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„Felix“, von Dr. Lothar Müller 7. Februar 2011

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Der folgende Beitrag stammt von Dr. Lothar Müller, Ex-Sozial-Stadtrat von Innsbruck und derzeit einer der Klinik-Seelsorger in Innsbruck. Der Beitrag ist ungekürzt und regt vielleicht zum Nachdenken an. (wwl)

Lothar Müller (lothar.mueller@uibk.ac.at) 2011 – 02 -02

Ein Stammtisch in Innsbruck hat sich bei seinen letzten beiden Treffen mit zwei sehr aktuellen und gleichzeitig tragischen Themen beschäftigt. Mit der „Heimerziehung in Tirol“ (Buch von Horst Schreiber, „Im Namen der Ordnung“) und mit der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Ihren „Tirol -, Südtirol – und Vorarlbergbezug“ hat Univ.-Prof. i.R. Dr. Ullrich Meise anhand der Bücher „Wider das Vergessen“ (Christian Smekal, Hartmann Hinterhuber, Ullrich Meise) und „Ermordet und Vergessen“ (Hartmann Hinterhuber) dargestellt. Ein Stichwort, das immer wieder fiel: Hall. Den Stammtischteilnehmern lag überdies die Diplomarbeit von Thomas Rüscher, „NS–Euthanasie im Bregenzerwald“ (2008) vor. Die nachfolgende „Geschichte“ ist frei „rundum“ den von Rüscher genannten Menschen Felix (s.S. 26 f). geschrieben.
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FELIX.
Zeitungsnotiz 19.1.2011:
Am vergangenen Sonntag feierte Felix seinen 75. Geburtstag. Als Gratulanten stellte sich neben dem „eigenen“ Bürgermeister (im Foto links mit dem Jubilar) und zahlreichen Freunden auch die Gemeindeoberhäupter einiger Nachbargemeinden und Vertreter der Standesvertretung ein. Felix B. habe durch sein langjähriges Engagement in der Gemeinde und vor allem deren Hilfsorganisationen wesentlich zum Wohle aller GemeindebürgerInnen beigetragen. Dafür sei ihm auch vom Land – schon vor zehn Jahren, 2006 -, öffentlich Dank und Anerkennung ausgesprochen worden. Man wisse in der Gemeinde, dass es der Jubilar nicht immer leicht gehabt habe. Aber er habe sich mit der ihm eigenen alemannischen Hartnäckigkeit „durchgebissen“. Ob beruflich oder im Ehrenamt. Nach dem Ständchen des Chores überreichte die Chorleiterin dem langjährigen Förderer einen Blumenstrauß. Und – etwas verlegen, aber unter dem leise-verständnisvollen Lachen der Chormitglieder – zwei Flaschen mit dem Lieblingswein des Jubilars. Hoch soll er leben – das wünscht ihm auch unsere Zeitung.
Unehelich (1936!) – Pflegekind – Kein Geld. Aber noch Chancen für Zukunft.
Zu diesem Jubiläum und damit zu dieser Zeitungsnotiz hätte es ohne weiteres kommen können.
Der Jubilar ist – so die Recherchen von Thomas Rüscher – am 16. Januar 1936 in Schlins (Vorarlberg) geboren. Offensichtlich „unehelich“ – der Vater leugnete die Vaterschaft und die Mutter – Kellnerin in Lindau – übergab das Kind nach wenigen Wochen ihrer Mutter in Pflege.
Sie wollte ihr dafür monatlich Geld schicken – das funktionierte einige Monate.
Also festzuhalten: Felix unehelich. Felix hat keinen Vater, der sich zu ihm bekennt. Felix wird von seiner Mutter der Großmutter zur Pflege übergeben. Muss – wahrscheinlich – zur Pflege übergeben werden. Jetzt kommt noch etwas für die Zukunft von Felix Gravierendes dazu: die Großmutter konnte sich die Pflege nach Ausbleiben der Überweisungen nicht mehr leisten!
Armut dürfte der Grund gewesen sein. Sie bringt den Dreijährigen mit Einverständnis der Mutter in das Marienheim in Bludenz. Dieses wurde von Geistlichen betrieben.
Wie Rüschers Recherchen weiter ergeben, distanziert sich jetzt offensichtlich auch die Mutter von ihrem Kind. Es sei „ein ausgesprochener Schwächling“, der nicht laufen und sprechen konnte. Selbst die Polizei berichtet von einer „grauenhaften Interesselosigkeit“.
Aber noch immer hätte Felix die Chancen zu seinem Jubiläum gehabt! Menschen in dieser Situation, mit diesen Diskriminierungen, hat es damals und auch noch lange Zeit später noch genug gegeben.
Fünfjähriger: mit den Nazis beginnt das Ende
Aber: die NS–Behörden lösen das katholische Heim auf. Felix kommt zuerst nach Andelsbuch, dann – am 1. März 1941 in die Valduna. Was hat dieses jetzt fünfjährige Kind alles erfahren?
Verstoßen – von einem Menschen zum anderen, von einem Ort zum anderen. Selbst wenn er einmal irgendwo eine „Bezugsperson“ gefunden hätte – weiter mit ihm. Auch wenn nicht von Misshandlungen berichtet wird – sicher ist: dieses Kind lebte nur in Angst. Es hat nichts anderes kennengelernt.
Aber – so glaube ich – selbst jetzt noch hätte er seine Chance haben können!

Aber: drei Wochen später (24.März 1941) wird er nach Hall deportiert. Wahrscheinlich durch die berüchtigte “Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ mit ihrem brutalen (bewaffneten und unifomierten) Personal (Hartmann Hinterhuber, Ermordet und Vergessen, S.32). Wie ging es da dem fünfjährigen Felix? Hat es Schläge oder nur eine Handzeichens bedurft, daß er in den Wagen hineinlief? Oder wurde er einfach hineingeworfen, mit ein paar Flüchen? Hineingetreten?
Felix, sechseinhalb. Ermordet.
Bis 31. August 1942 „Hall“. Wir müssen herauskriegen, was er da alles „erleben“ mußte. Laut Rüscher bestimmte der Direktor, „welche PatientInnen die Hungerkost erhalten sollten“.
Dann der letzte Transport. – Linz/Niedernhart. Zwei Tage nach seiner Ankunft – am 2.September 1942 – wurde Felix dort ermordet. Ließen sie ihn endgültig verhungern – nach der „Behandlung“ in Hall? Mußten sie zu „Luminal“ greifen? Wir wissen es noch nicht!
Seiner Großmutter wurde mitgeteilt, er sei an Lungenentzündung mit Herzschwäche verstorben.
Felix wurde sechseinhalb Jahr alt. Er hätte jetzt sein „75 – Jubiläum“ haben können.
Übrigens: Felix hätte gar nicht nach Niedernhart deportiert werden sollen. Ein anderes Opfer war vorgesehen – die Pfleger setzten sich aber sehr für den Verbleib dieses Menschen ein. Er sei „für Schneidarbeiten sehr verwendbar“ so zitiert Thomas Rüscher aus einem Brief. „Dafür kommt ein Jugendlicher (Beng Felix)“ heißt es da weiter.
Die Täter: ein langes Leben. Sie wollen Felix treffen.
Apropos „Zeit“: Die Nazi – „Euthanasieprogramme“ wurden von Adolf Hitler persönlich angeordnet. Sie wurden unter maßgeblicher Mitwirkung von Akademikern – vor allem Ärzten – durchgeführt. Über das weitere „Schicksal“ der Täter informiert Hartmann Hinterhuber in „Ermordet und Vergessen“ S. 119 ff. Einige beendeten ihr Leben durch Suizid. Andere schafften die Rehabilitation oder eine problemlose Weiterverwendung. Viele dürften „anstandslos“ (im wahrsten Sinn des Wortes) ihren „75er“ im Kreis ihrer Lieben gefeiert haben.
Von Hans Czermak, HNO – Facharzt und Verantwortlicher für die Transporte im Gau Tirol – Vorarlberg wird berichtet, dass er am 1. Dezember 1949 zu acht Jahren Haft und Vermögensverfall verurteilt wurde. Im September 1950 (!!) wurde er – so das Magazin „ECHO“ (Februar 2011, S. 45) vorzeitig entlassen „und arbeitet bis zu seinem Tod 1975 als Pharmareferent“. Hinterhuber berichtet, dass sich sowohl die Ärztekammer wie auch die Medizinische Fakultät der Universität Innsbruck für seinen Antrag auf Wiederzulassung zum ärztlichen Beruf (1950) eingesetzt hätten. Das Landesgericht Innsbruck hat dies schließlich verhindert.
Czermak wurde 1882 in Graz geboren und kam mit sechs Jahren nach Innsbruck. 1933 Beitritt zur NSDAP, dann verantwortlich für das Euthanasieprogramm im Gau Tirol – Vorarlberg. Er wurde 93 Jahre alt. „Sein Felix“ sechs.
Eine zweite Pressenotiz. Der schöne Schein. Nichtsnutzig.
Zum Schluss nochmals ein „Phantasiebericht“ in einer (diesmal nicht – vorarlbergischen) Bezirkszeitung.
Ein verdienter 90 er.
Das Foto zeigt: es kamen sehr viele zum 90. Geburtstag von Herrn Hans C. Rüstig und unterhaltend erzählt er aus seinem erfahrungsreichen Leben. Es sei nicht immer einfach gewesen, vor allem nicht nach dem Krieg, erklärte er unter anderem auch dem Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. Für ihn sei das Ethos und die Pflichterfüllung für das Volk immer im Vordergrund gestanden. Er habe sein Leben der Heilung von Menschen und des Volkskörpers verschrieben – sowohl in der Medizin wie auch in der Pharmazie. Der Bürgermeister wünschte dem Jubilar in bewegten Worten viel Gesundheit für den weiteren Lebensweg. Abschließend bedankte sich der Chor mit drei begeistert aufgenommenen Liedern und einem Blumenstrauß beim langjährigen Förderer der Musikkunst.
(Jetzt wieder die Realität: Sonja Niederbrunner ( ECHO 2/2011, S.45) zitiert einen Auszug aus der Todesanzeige für Hans Czermak (Tiroler Tageszeitung): Dort steht von einem „arbeitsreichen und pflichterfüllten Leben“ zu lesen.
Hölle. Sehr lange Hölle.
Seit seinem Tod versucht Dr. C. an Felix heranzukommen. Es war ihm bisher nicht möglich.
Dasselbe bei einer Dreijährigen. Das jüngste seiner Opfer.
Wie es dem für die Valduna zuständigen Herrn Dr. Josef Vonbuhn ergeht, weiß ich nicht. Seine Selektionen in den Vorarlberger Armenhäusern und Pflegeanstalten wurden von seinen Mitarbeitern in der Valduna als „Reichsstrassensammlungen“ bezeichnet. 1966 wurden die Ermittlungen gegen ihn von der Staatsanwaltschaft Konstanz (lt. Hinterhuber, 120) eingestellt.
Drüben, wo er vielleicht schon ist, wird ihm diese Einstellung nichts nützen. Er wird Dr. C. treffen – aber sehr lange auf ein Herankommen an die von ihm „Selektierten“ warten. Sehr lange. Hölle.

L.M.

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Kommentare

1. Lois Seidl - 20. März 2011

Die Grausamkeit ist nicht zu überbieten. Dennoch sind wir leider nicht vor ihrer Wiederholung sicher. Es braucht viel noch viel mehr Information, und viel mehr Empörung


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