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Begegnung am Bahnhof der Tram Number Six in Igls – Kurznotiz über eine außergewöhnliche Begegnung 30. Januar 2014

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Die Stimme einer Frau sagt: Heite ist kein guta Tag, fir nix.
Dann sehe ich sie.

Die Drei sitzen da, auf einer Bank, auf kleinen Sitzunterlagen.
Zwei Mädchen, etwa acht und zehn Jahre alt und eine Frau um die Dreißig, wahrscheinlich ihre Mutter.
Sie spielen Blockflöte und Klarinette. In der Kälte.
Heite ist kein guta Tag, fir nix.
Vor dem Trio sitzen die einzigen Zuhörer. Drei Hunde, unterschiedlich groß. Undefinierbar ihr Stammbaum. Hunde eben. Sie hören dem Spiel zu, blicken manchmal hinter sich oder seitlich, ob sich irgendjemand nähert und lauschen dann wieder.
Gespitzte Ohren. Nur die Schwanzspitzen bewegen sich.
Es ist kalt.
Heite ist kein guta Tag für nix, sagt die Frau wieder, während die beiden Mädchen weiter spielen. Es ist eine langsame Melodie, wie voller Trauer und Nachdenken.
Sehnsucht klingt aus den Tönen.
Nach einem guten Tag, für etwas, mit etwas, mit Freude, mit Liebe, mit Wärme.
Jetzt sitzen sie da, auf einer Bank, beim Bahnhof in Igls, bei dem stündlich die Tram Nummer Sechs abfährt.
Keiner wartet auf den Bahn-Wagen.
Heite ist kein guta Tag, fir nix.
Ich suche nach meiner Geldtasche.
Die Frau bemerkt es.
Wir nix betteln, wir nur spielen, sagt sie.
Nur spielen. Freude. Vastehen Sie? Wir wohnen in Heim. Wir haben alles. Gut. Aber wir wollen Musik machen. Nur spielen. Aba heite ist kein guta Tag, fir nix . . .
Nach einer Pause sagt sie, wie entschuldigend: Wir sind Sokci, aus Wojwodina. . .
Ihr Sätze haben den Rhythmus von Finali diverser Musikstücke: Ta tatata tata tamtam . . .
Sie schaut mich an. Dann fragt sie: Gehören Hunde ihnen?
Nein, sage ich.
Sie waren da. Plötzlich. Einfach da. Und hörten. Und sitzen. Und schauen, sagt sie verwundert.
Tiere lieben Musik, sage ich, Schwingungen, Töne . . .
Menschen auch, sagt sie. Danke, fir hören. . . .
Ja.
Dann spielen sie weiter.
Plötzlich ertönt ein lauter Pfiff.
Die Hunde richten sich auf und spitzen die Ohren.
Dann gibt er Größte von ihnen Laut. Drei Mal bellt er. Drei Mal.
Dann wieder ein Pfiff, diesmal näher und dann biegt schon ein Mann in einem Rollstuhl um die Ecke und legt die letzte Strecke zum Bahnhof sehr rasch zurück.
Da seid ihr, sagt er. Und dann: Waren sie lästig?
Die drei Musikerinnen schüttelten den Kopf und ich sage: Nein, sie hörten nur zu.
Es ist manchmal arg mit ihnen, sagt der Mann im Rollstuhl. Ich muss auf sie aufpassen und wenn sie irgendwoher Musik hören, dann hauen sie ab und gehen den Tönen nach. Ihr Ahnherr muss wohl von den Bremer Stadmusikanten gewesen sein, sagt er lachend. Und fährt weiter, den Hunden winkend, die ihm folgen. Sie blicken noch ein paar Mal zurück. Abschied eben. Von Tönen.
Die Tram Nummer 6 fährt ein.
Die Drei packen ihre Sachen ein, ihre Instrumente. Sorgfältig, wie Kostbarkeiten.
Auf Wiedersehen, sagt die Mutter.
Ich stehe auf und verbeuge mich. Dann drücke ich ihr einen Schein in die Hand: Für den Eintritt, für das Konzert. Eine kleine Gage, sage ich.
Sie schüttelt den Kopf: Wir nix betteln. Wir nur spielen.
Ja, sage ich. Und: Danke für das Spiel und das Konzert.
Dann sage ich: Steigen sie ein. Gute Fahrt und viel Glück.
Glick ist da zu sein und spielen, sagt sie und geht zur Tram. Dann: Dank und viel Glick fir Sie. Gesundheit und alles.
Dann steigen sie ein, die Drei.
Irgendwie und von irgendwo her scheint noch alles zu klingen.
Kälte, was ist das?
Ich höre Hunde bellen.
Einen Pfiff.
Dann stehe ich auf und gehe langsam nach Hause.
Irgendwie war das ein guter Tag, für alles. Ein guter Tag.
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Tram Number six – eine Notiz 14. Januar 2014

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Tram Number six.
(Eine Notiz)

Die Erinnerung stürzt wie ein Blick in das Universum auf einen ein.
Ein Blick in das Nichts.
Ein Blick wie in einen Abgrund voller Felsabbrüche in den Alpen.
Ein Blick in sich selbst.

Plötzlich stand die alte Dame hinter mir. Gestützt auf einen Rollator. Ohne Handbewegungen und andere Regungen begann sie sprechen: „Manchmal lagen die Toten nach dem Bombenangriff vor 70 Jahren noch tagelang vor dem Hoteleingang. Dort, wo vorher die Kurgäste ein und aus gingen, hasteten nun die Ärzte und Krankenschwestern. Junge Mädchen wie ich. Meistens vom BDM, wie das damals hieß. Keine Ahnung von Medizin hatten wir, keine Ahnung von Pflege. Wir konnten nur tragen, aufrichten, Körper von den Kleider frei machen, vom Blut reinigen und Blutungen stoppen. Mit frisch gewaschenen Leintüchern aus der Hoteleinrichtung. Das war es, damals.“
Unwillkürlich, obwohl ich es nicht wollte, weil mich in der Kälte des Dezember ohnedies schauerte, stellte ich die Frage: „Was war damals?“
„Die Bomber flogen über Innsbruck und waren Brand- und Sprengbomben ab. Alles kam unerwartet. Alle waren ungeschützt. Kein Alarm, nichts.“ Sie stockte, richtete sich kurz auf: „Nein. Stimmt nicht. Es gingen die Sirenen, aber viel zu spät.“
Sie sagte „gingen“, nicht heulten. Die Sirenen gingen . . .
Mit ihnen ging der Tod einher, das Leid, das Entsetzen, die Flucht in die Keller.
Weg von der Straße.
Raus aus den Wohnungen.
Die Todeswelle rollt.
„Viel zu spät. Viel zu spät. Wie die Erkenntnis der Lügen, auf die alles aufgebaut war.“ Sie hielt inne.
„Ich warte auf die Sechser“, sagt sie. Und: „Wissen Sie, wann sie wieder fährt.“
„In wenigen Minuten“, sagte ich.
„Helfen Sie mir in den Wagen. Ich muss mit der Bahn heimfahren. Den Anblick hier ertrage ich nicht mehr. Nicht mehr die Erinnerungen.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Ja“, sagte sie, „ja. Schweigen. Das ist die einzige Lösung. Man kann nichts mehr sagen, nichts mehr beschreiben. Die Bilder im Kopf, die Erinnerungen.“
Die Sechser fuhr in den Bahnhof ein.
Die Dame ging langsam auf den Bahnsteig.
Ich half ihr in den Wagen. Doch sie brauchte meine Hilfe ohnedies nicht.
„Ich setze mich gleich zur Türe“, sagte sie.
Schweigen.
Warten.
Nein, dachte ich. Nein. Ich fahre nicht mit dieser Bahn. Ich warte noch eine Stunde.
Es war plötzlich ein Föhntag im Winter geworden und nicht mehr sehr kalt.
Also setzte ich mich auf eine Bank beim Bahnhof.
Manchmal, während ich diese Stunde wartete, dünkte mir, als würde auch ich die Schreie hören.
Blut und Bomben sind überall, zu allen Zeiten, dachte ich.
Dann griff ich in die Tasche, holte meine Zigaretten hervor und rauchte, während ich zu den nahen Häusern starrte.
Es war ein Tag wie jeder andere Föhntag in Igls, aber doch ganz anders.
Ach ja: Die Tage mit den Rauchgesichtern sind bald vorüber.
Und mit den Gedanken werden eben die Tage anders. . . .
(Winfried Werner Linde)