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Kalt in mir – Nachdenken über Korruptistan 11. Oktober 2011

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Kalt in mir.
Der Titel stammt aus einem Lyrik-Band des viel zu früh, in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, verstorbenen Tiroler Dichters Norbert C. Kaser – er sagt aber genau aus, was ich sagen möchte:
Die ersten Opfer des globalisierten Kleinbürgergeistes, dem nichts wichtiger ist als Sex and Crime und bei dem das Fressen über der Moral steht (frei nach Bertolt Brecht), die ersten Opfer dieses Denk-Nichts, worüber man im Grunde nur schweigen müsste (es aber nicht tun darf, weil man sonst dem Wahnwitz noch mehr Raum gibt), werden die jungen Forscher und Wissenschaftler ebenso wie die KünstlerInnen sein. Denn bei beiden dominiert das Denken und das Suchen nach Lösungen – wer aber will diese in einer Zeit der Manipulation durch Werbung, in einer Zeit, in der das Marken-Unwesen zum Maß der Mode- und Lebens-Dinge wird, in einer Zeit, in der Unsummen für hässliche Taschen und Täschchen, für grausam aussehende Mode und andere Damen-Schönheiten ausgegeben wird, wer will da das Denken?
Das Denken ist nicht bunt, schreit nicht, lebt in der Stille und der oder diejenige, die nachdenkt, fühlt eben das, was Norbert C. Kaser formulierte: Die Kälte in einem selbst. Da nützen die bunten Bildchen, die plakativsten Tussies und männlichen Schönlinge nichts, da gibt es keine Lösung von Versace oder anderen Mode-Schnickschnack, den man bzw. frau angeblich haben muss, um jeden Preis, auch jenen der immer klarer aus der Ferne auftauchenden Armut. Kein Wunder, dass sich da die Agenten der Inserate immer bestechlicher zeigen, dass da Zeitungen nur mehr zu Hofberichterstattungs- und Adabei-Blättchen mutieren, aus denen jeder Gedanke, jede Kritik, eliminiert wurde. Und die, die sich im Glanze des Adabei-Seins sonnen, weil es immer wieder Promis der dritten und vierten Kategorie gibt, die sich in bunten Bildchen selbst betrachten und die paar Zeilen, die über sie geschrieben sind, sind das Einzige, was sie je lesen, weil die Tage so kurz und die Nächte so lang und der edle Tropfen so unheilvoll durch die Kehle in die geschundene Leber rinnt.
Am Ende stehen dann Schönheits-Operationen, Lid-Korrekturen, Aufspritzungen von Lippen – der fast schon medial geklonte Mensch, der in seiner Hässlichkeit, die als Schönheit ausgegeben wird, nicht mehr zu über bieten ist.
Die Kleinbürger sind zu Kälbern geworden, die sich als die Dümmsten unter der Sonne ihre Schlächter, meistens Rechtspopulisten, in der Politik selbst wählen oder die sich längst von den Gewählten abgewendet und der Scheinwelt des TV-Couchings und des Alkohols zugewandt haben.
Die HofberichterstatterInnen, die ihre Medienarbeit dazu benützen, zusätzlich noch Markenartikel zu Sonderpreisen zu lukrieren, die abends am Tisch der so genannten guten Gesellschaft fein dinieren, leben während des Tages von einer Wurstsemmel und einem Automaten-Getränk, meistens Kaffee, der die Geschmacksnerven beleidigt. Aber Abends dann . . .
Korruptistan fängt hier an und hört ganz oben auf. Korruption fängt bei den zehn Euros Trinkgeld für Herrn X in der Werkstatt für die schnellere Reparatur an und hört bei den so genannten Mächtigen und jenen, die über sie berichten, auf. Die Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Ja, es gibt Ausnahmen. Alle sind nicht so und Verallgemeinerungen sind unzulässig. Aber die Mentalität der meisten Kleinbürger in Korruptistan ist eben: Nimm, was du kannst, auch wenn es ein kleines bissel, eh nur ein kleines bissel korrupt ist. 

Mein Gott, das bissel angefüttert werden, die kleine Goldkette für die junge Dame, die sich dann irgendwie dankbar erweist, eh schon wissen – augenzwinkernd.

Geiz ist geil, wird geplärrt und jeder, der anders denkt, ist ein Blödmann. Diese Tendenz kennzeichnet die Gesellschaft der Gegenwart.-

Kalt in mir.

Ja, eiskalt. In den Sozialläden mehren sich die KundInnen, immer mehr Menschen werden psychisch krank (die meisten lassen es sich nicht anmerken und weinen heimlich, daheim, und sperren sich in ihrer Single-Welt hermetisch ein) und das Leiden am sinnlosen Leben wirkt sich auch auf die körperlichen Krankheiten aus. Das ist ein düsteres Bild, zugegeben, düster und zuge- und überspitzt, ja.

Aber es ist auch Teil dieses kleinbürgerliches Geistes, der sich längst schon im Bildungsbürgertum niedergelassen hast, in den Familien, bei Müttern und Vätern und Kinder und die große Freiheit endet dort, wo Sonntags-Ausflüge und Fahrrad- und Öffi-Benützung gepredigt, aber der Diesel-Flitzer oder „Nobelhobel“ praktiziert wird.
Wir leben in einer Scheinwelt und erkennen sie nicht mehr als solche. Und wir verträumen uns in Konsum-Gelüste und Shopping-Ersatzhandlungen, an deren Ende dann das Ergebnis steht: Außer Spesen nichts gewesen.

Kalt in mir.

In wenigen Wochen ist das Jahr wieder vorbei und was steht als Ergebnis fest? Sind neue Modetaschen, Accessoires, neue Gesichtsoperationen, neuer Schein statt Sein, neue Traumwelt statt Wirklichkeit, neue Korruption und der kurze Augenblick, der zum langen Abschied von den Gefühlen führt, wirklich alles?
Ein Ergebnis, das zur Kälte führt. Zur Kälte in einem selbst?
Das soll alles sein? Diese Hoffnungslosigkeit?
Der globalisierte Wahnwitz frisst Forschung und Kunst. Beide sind Zukunft. Beide sind keine Scheinwelt, sondern haben Abbild der Wirklichkeit zu sein, sonst sind sie hölzern und sinnentleert.

Die Kunst ist das Einzige, das die Welt zu verändern vermag. Deshalb wird sie von dem herrschenden Kleinbürgergeist auch so unterdrückt, ja verachtet.

Die neue Mut-Gesellschaft muss auch eine Kunst-Gesellschaft werden. Damit sind nicht künstliche Lippen, aufgestülpte Gesichtsveränderungen und Mode-Schnickschnack-Albernheiten gemeint. Die Kunst-Gesellschaft muss den Mut zur Veränderung der Welt beinhalten.
Denn wir brauchen eine andere Welt, die nur durch uns alle geschaffen werden kann.

Durch uns Kleinbürger, denen manchmal kalt ist. Sehr kalt.
Winfried Werner Linde, Schriftsteller, Innsbruck

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Nicht mehr Zuschauer 8. Juni 2011

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Nicht mehr Zuschauer

Mann betrachtet sich. Immerzu. In der Liebe gilt immer mehr das Gesetz des Ich – das gilt ja auch im Beruf – und nicht mehr jenes des Du.
In der Gesellschaft breitet sich Egomanie aus, Angst begründet meinen die Psychologen und sprechen von Burnout. Dabei wäre es leicht zu erkennen, dass es Angst vor der Nähe ist und die verzweifelte Suche nach dem, was Leben bedeutet, gibt immer mehr Viktor Frankl recht, der dieses Leiden am sinnlosen Leben zu einer Maxime seiner Erkenntnisse über die Menschheit machte. (Zitiert:  http://www.lesekost.de/deutsch/au/hhlau08.htm)
Dieses Leiden am sinnlosen Leben ist das Leiden an sich selbst. Die Erkenntnis, dass die Widerspiegelung des Ich nicht Wahrheit per se sein kann und dass das Du Angst macht. Ein Freund von mir sagte es kürzlich bei einem gemeinsamen Essen: Wir schlemmen und erkennen nichts mehr dabei. Und es ist aber so schön.
Schön? Ästhetik des Lebens? Schönheit des Lebens – etwas anderes? Das Leben ist schön? Steckt dahinter, hinter den Fragen nicht auch Verzweiflung. Also Zweifel. Woran aber? An wem? An sich selbst?
Wir sind zu Zuschauern geworden. Das Leben ist schön, aber es geht vorüber an uns. Wir sind Zuschauer und applaudieren, ohne uns selbst zu sehen und uns selbst, vornehmlich aber dem Du, zu applaudieren.
In der Politik ist das für die meisten Exponenten der verbalen Eitelkeiten in den Sonntagsreden zur Selbstverständlichkeit geworden. Wie weiland im Obersten Sowjet applaudieren sich heutzutage PolitikerInnen überall auf der Welt, egal in welchen politischen System oder Parteien, selbst. Ja, selbst am Theater ist es üblich geworden, dass die Akteure zum Schluss den Zuschauern oder sich selbst applaudieren.
Die Hoffart des Ich hat die Maxime des Du zum Verschwinden gebracht und das Brennen vor Zuwendung oder Liebe ist dem Burnout gewichen.
Wir brauchen, so meine ich, endlich das, was fast schon gemeinplätzig klingt: Die Rückkehr zum Du.
Die Rückkehr zum Idealismus und die Abkehr vom Materialismus, wenn wir konsumieren, spekulieren wir mit und nehmen an einer unsozialen Geldverbrennung teil, die ihresgleichen sucht. In der „Zeit“ steht zu lesen, dass sich immer mehr Menschen ihre Nahrungsmittel in Kleingärten selbst pflanzen, aus Angst vor der Krise. Das ist in einer Welt, die durch die Überproduktion immer mehr vergiftet wird, durch chemisch provoziertes und nicht natürliches Wachstum, eine bedankenswerte Tat, wenn nicht dahinter auch Angst vor der nächsten Krise stehen würde.

http://www.zeit.de/2011/09/Aussteiger-Endzeitstimmung/seite-1

Wir Zuschauer.
Wir müssen heraus aus dieser Schein- und Im-Stich-gelassenen Welt.
Wir brauchen uns, das Wir, das Du.
Wir sind die Welt, so wie wir das Volk sind.
Das sei den Polemikern und Populisten, deren Dummheit nur noch durch ihre Indolenz übertroffen wird, ins Stammbuch geschrieben.
Wir müssen heraus aus dem Zuschauer-Dasein. Wir sind die Welt. Jeder von uns ist die ganze Welt, weil er Teil davon ist, im großen Mosaik des befristeten Da-Seins auf dieser Erde.
Wir haben nur diese eine Welt. Dieser Satz ist ein Gemeinplatz geworden. Und ist Anlass für Krokodilstränen der alten und neuen Polit-Gruppen. –
Seien wir nicht Zuschauer, sondern machen wir was draus. Jeder und jede an seinem/ihren Platz. Ohne Wenn und Aber.
Dann gibt es nämlich keine Angst mehr und plötzlich wird das Du wieder Teil des Ich.
Winfried Werner Linde

Streuche 29. Dezember 2009

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Die Partei der Streuche (damit klar ist, wer gemeint ist: Strache/Scheuch) rüstet für den Wahlkampf in Wien. Das wäre an und für sich nur ein lokales Nebengeräusch, auch wenn es sich um die Bundeshauptstadt und die Macht dort handelt. Der Ausgang der Wahl wird voraussichtlich, aller Hoffnung diverser Rechtsrechten zum Trotz, die Streuche auf jenes Maß reduzieren, das ihnen gebührt – in die Bedeutungslosigkeit, die der Belanglosigkeit ihrer Politik entspricht.

Das ist eine Hoffnung: Denn die Rückwärtsvorwärtsrückwärts-Strategie (soferne man bei der Hilflosigkeit mancher Exponenten dieser farblosen Politik von einer solchen, Strategie nämlich, sprechen kann) wird nur noch von der Unmenschlichkeit diverser Ausgrenzungen und Rassismen übertroffen, die sich niederträchtig hinter einer Sozialtümelei verbergen, die wiederum ihrerseits ebenfalls nur eine neue Klassen- und Kastengesellschaft schafft.

Beispiele gibt es genug: Was soll in einer Zeit, in der es Massenarbeitslosigkeit gibt, eine Diskussion über Minarette? Was soll in einer Zeit, in der die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, in der Hunderttausende von Menschen um ihre Arbeitsplätze bangen, ein Randthema wie Burkas? Diese sind zwar zweifellos ein Ausdruck der Unterdrückung der Frauen, aber die Streuche dieser Zeit thematisieren natürlich damit nur nicht vorhandene Parallelgesellschaften. Ihr Streuche: Bei Gott, wir haben ganz andere Sorgen.

Es gibt Massen-Armut, Massen-Arbeitslosigkeit, die Nachwirkungen einer Krise, die in eine neue münden, die noch mehr Elend über die Massen bringen wird. Von den sozialen Unterschieden in den Einkommen ganz zu schweigen ebenso von der schrankenlosen Wirtschaftsliberalität.

Dabei sind die Streuche selbst gerade eine solche Parallelität, wie oben erwähnt, geworden: FPBZÖ sind zwei Parallelparteien, die sich nur darin unterscheiden, dass einer der Führer einen Massenvorrat an Haargel haben muss und ansonsten nur lauthals gegen alles, was anders als teutschdümmelnd ist, wettert. Und politische Randthemen zu Dauerbrennern von  der blauen und orangen Randgruppen, aus deren Ecken es braun leuchtet (Affäre Graf u.a.) macht.

Und das ist nicht rhetorische Ausgrenzung, sondern politische Tatsache in Österreich.

Der andere, eben gerade aus Kärnten nach Wien emigriert, mokiert sich über Migration und anderes – als ob die Welt nur aus dem Wörthersee und dem Haider-Denkmal bestünde und aus dem von den FPBZÖ-„Politikern“ politisch zu verantwortenden Hypo-Alpe-Adria-Milliarden-Skandal auf SteuerzahlerInnen-Kosten.  

Die Zeit ist gekommen, dass sich die jungen Menschen, die angeblich in Scharen die Streuche wählen, darauf besinnen, dass sie selbst denken und individuell handeln sollen und nicht den Maulhelden Tür und Tor für eine Machtübernahme öffnen, die das Ewiggestrige zum Maß der Zukunftsdinge, also der ihren, macht.

Wohl gemerkt: Es gibt auch Ausnahmen in dieser neuen Streuch-Gruppe, sehr positive Ausnahmen, die sich schon längst von dieser Art der Politik verabschiedet haben.

Diese jungen Menschen fühlen Heimatbewusstsein, Mensch-Sein in der Gemeinschaft, die sozial ist, fühlen sich verantwortlich für Familie und Zukunft der Wirtschaft, sind fleißig und pochen berechtigt auf das Recht, dass man ihnen eine Zukunft schafft, in der sie nicht auch als Randgruppe in einer sektenartigen rechten Bewegung dahin vegetieren müssen – ohne Chance auf Mitbestimmung, weil sämtliche Futtertröge von der Führer-Hierarchie der Streuche bereits überbelegt sind.

Noch einmal: Es gibt also auch die positiven Menschen, die wegen des Versagens der anderen Parteien und der Extrem-Positionen der Grünen in die geschlossenen Reihen der nicht ganz dichten Rechten getrieben werden und wurden.

Das Jahrzehnt der Phrasen und der als neu bezeichneten Uralt-Positionen geht zu Ende. 2011 beginnt ein neues Jahrzehnt. Im Jahr 2010 müssen die Weichen für eine andere Politik, die dann beginnen muss, gestellt werden.

Und das schon in Wien bei den kommenden Wahlen und in allen demokratischen Bereichen, in denen Menschen guten Willens aktiv sind.

Haargel-Rappern und anderen Banalschwätzern sowie beharrlich illuminierten, aber keineswegs ständig geistig erleuchteten Streuches und deren Trabanten ohne Tiefgang zum Trotz.

Winfried Werner Linde, 29.12.2009