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Aus „Panoptica“ der Frauen-Kulturzeitschrift des Landes Tirol. Als Quotenmann habe ich diesen Beitrag verfasst. 10. Juni 2015

Posted by wwlinde in Kulturzeitschaft Panoptica.
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Aus der Anonymität heraustreten. Jetzt. Ja- und Nein-Sagen. Selbstbestimmt.
Anmerkungen zum Thema: „Die transparente Frau“ – oder mediale Begegnungen der vermeintlich dritten Art.
Von Winfried Werner Linde

Das Charakterbild des Menschen schwankt nicht nur in der Geschichte, wie Schiller schrieb. Es schwankt auch in den Medien und insbesondere dann, wenn es um Frauenrecht und Selbstbestimmtheit geht. Der transparente Zustand des Menschen als solcher und diesfalls jener der Frauen ist in der Vergangenheit ein Alb-Traum gewesen und in der Gegenwart durch die virtuelle Welt und die sozialen Medien zu einer beängstigenden Wirklichkeit geworden.
Es gibt keine Durchsichtigkeit, von keinem Menschen.
Es gibt das Geheimnis des Mensch-Seins von Frau und Mann.
Es gibt die Verschlossenheit des Innenlebens nach außen.
Die Magnetresonanz zeigt den materiellen, nicht den geistigen Zustand.
Geschriebene Sätze oder gefilmte wie fotografierte Szenen in den Medien zeigen eine Situation, nicht die Gesamtheit der Lebensfaktoren. Das ist die Lüge in der Gegenwart: Scheinwelten werden aufgebaut, indem man bestimmte Situationen festhält, Aussagen aus dem Zusammenhang reißt.
Bilder verzerren – der Urschrei im Urwald, in den Menschen zwischen Schaben. Spinnen, Schlangen und ihren inneren Ängsten ist drehbuchgerecht gestaltet. Das Bild der Frauen, die sich diesen Situationen ausliefern ist die gleiche wie jene, die um die Gunst eines so genannten Bachelors buhlen oder sich mit dem Landleben (angeblich) anfreunden, weil ein Bauer eine Frau sucht. Die Traumreisen von Model-Männern, die sich mit einem Dutzend so genannten Schönheitsköniginnen auf einer Insel treffen, sind verfälschte archaische Muster. Längst weiß man aus der Verhaltensforschung, dass nicht die Männer, sondern die Frauen die Auswahl treffen und die Kriterien sind so vielfältig wie die Gedanken der Macher solcher TV-Quotenbringer einfältig sind.
Das ist die eine Seite – und diese ist ebenso düster wie die andere.
Denn es gibt auch das Aufzeigen von Leben an solchem, von Lebensfreud und Leid, von Atemlosigkeiten, von Ängsten und Erkenntnissen.
Flüchtlingslager, Frauen mit Kindern vor dem Erfrieren, die allein erziehende Mutter, die in Armut lebt, längst eingeholt von den ständigen Ängsten ums Überleben. Zwischen den Flüchtlingslagern im Libanon oder anderswo, zwischen den Müttern in Lampedusa und jenen, die im Wohlstands-Inferno irgendwo in Mitteleuropa in ständiger Angst leben, gibt es keine Unterschiede.
Die Frau ist dem Voyeurismus ausgeliefert und dies besonders medial – in der Nahaufnahme. Alles wird sichtbar.
Die Menschenfrau als Bajazzo: Seht her, ich bin’s.
Wir leben in einer psychologisierten Gesellschaft, in der die Allwissenheit über das Menschhafte die Menschlichkeit des friedvollen Lebens abgelöst hat. Jede und jeder für sich und Gott gegen alle.
Die mediale Wirklichkeit hat das Geheimnisvolle zerstört, Quotenfrauen sind Quotenmännern gewichen, das Gewordene ist der Zerstörung gewichen und das ist gut für das Verhalten der Mehrheit, also der Frauen, die sich wie eine Minderheit verhielt und sich duckte, ja – selbstzerstörerisch ducken musste.
Bis in die Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, also in einer Zeit, in der es angeblich die politische Aufklärung gab, mussten die Frauen, die Männer um Erlaubnis fragen, wenn sie einer Arbeit nachgehen wollten. Ohne die Einwilligung des Mannes keine Selbstständigkeit, weder im Privaten noch in der Gesellschaft.
Bis die Befreiung postuliert wurde.
Das war 1969 im Suhrkamp-Kursbuch 17. Die Autorin Luc Jochimsen schrieb ein Essay unter dem Titel „Die Mehrheit, die sich wie eine Minderheit verhält“ und wies erstmals auf die demokratischen wie auch demographischen Mehrheitsverhältnisse hin. Es gibt mehr Frauen in der Gesellschaft als Männer, aber weder in der politischen Vertretung noch in der Bezahlung für ihre Arbeit schlägt sich dies nieder. Damals, 1969, keine Spur von Gleichheit.
Luc Jochimsen wurde als Tochter eines Speditionskaufmanns 1936 in Nürnberg geboren. Die Schulzeit in Frankfurt am Main beendete sie 1956 mit dem Abitur. Sie studierte Soziologie (bei Helmut Schelsky und Heinz Kluth), Politikwissenschaft (bei Siegfried Landshut) und Philosophie an der Universität Hamburg. 1961 folgte ihre Promotion zur Dr. phil. bei Schelsky an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster mit der Arbeit Zigeuner heute – Untersuchung einer Außenseitergruppe in einer deutschen Mittelstadt.
Jochimsen, die später für die Linke politisch aktiv war und auch als Bundespräsident-Kandidatin nominiert wurde, zeigte damals, im Nachbeben des Jahres 1968 ein Tabu auf, worüber man nicht sprach – schon gar nicht in den politischen Diskussionen.
Das war damals.
Und heute: „Jetzt tritt sie ins Licht. Die neue einsame Frau lebt mittendrin, zwischen all den anderen erfolgreichen, attraktiven, sozial erfüllten jungen Menschen. In ihrem Milieu ist es unmöglich geworden, sie zu erkennen: Auch sie lebt in urbanen Ballungszentren, arbeitet in Agenturen, wird Lehrerin oder Professorin, stellt in Galerien aus, schreibt Bücher oder Blogs, designt Mode oder Websites und trägt ein ständig vibrierendes Handy mit sich herum. Ein Premiumsingle, ein potenzieller Elitepartner, genau wie die Werbung sie anpreist, allererste Ware, die nach spätestens elf Minuten nicht mehr auf dem Markt sein dürfte.“(Die Zeit, 21.12.2014).
Wenn die Quotenfrau zwei Mal klingelt, in den politischen Parteien und die politologisch verbrämten Medien-AnalystInnen ihre angeblich nicht aus dem Kaffeesud gelesenen Prognosen abgeben, fehlt die Wirklichkeit der Ausgrenzung der Frauen in den Nebenschauplätzen abseits des medialen Wirbels völlig. Das Ausgeliefert-Sein an die Wirklichkeiten der Gegenwart, die Ängste wie auch das Entsetzen des Erlebens der realen Welt, fehlen gänzlich.
Ganze Generationen verlieren sich irgendwo in einem Nebensatz.
Die Senioren, beispielsweise, sieht man nicht – und meistens sind die Frauen davon betroffen.
Ein gesellschaftliches Phänomen? Es geht nicht anders in der Quotenwelt? Wir haben eh die Regierungsbeteiligung der Frauen? Und seit damals, den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts hat sich alles verändert?
Wer spricht heute noch vom Ausstattungsbeitrag, der damals üblich war: Frauen, die bis zur Verheiratung gearbeitet hatten, ließen sich ihre Pensionsansprüche abgelten. Sie verzichteten zu Gunsten der Ehe und der „Obsorge“ des Mannes auf ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Doch das war damals, sagen fast alle.
Das hat sich geändert, meinen viele – immer wieder in Diskussionen. In der Masse – damit sind nicht die zehn Prozent Gebildeten gemeint, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Von dieser wollen aber die Wenigsten etwas wissen: Die Frau als Objekt oder als Mittel zur Unterhaltung ohne Rücksicht auf die Würde – in den Medien, vornehmlich den bunten Blättern und den Privatsendern, ist die selbstverständlich. Die Unterhaltung deckt die Sorge um den Unterhalt zu, die Wahrheit ist keine pluralistische, sondern weiterhin eine eindimensionale Sicht auf die Dinge.
Der Mensch ist in der Welt der Transparenz durch die mediale Berichterstattung längst zu einem Mittel zum Zweck der Erreichung von Reichweiten und Quoten verkommen und was hinter den Fassaden der Häuser und den Äußerlichkeiten von Scheinbildern der Modewelt vor sich geht interessiert nur am Rande. Liebschaften und Liebeleien, Flirts und Bussi-Bussi – die Seitenblicke-Gesellschaft hat die Tiefblick-Gesellschaft längst überrundet.
In der „taz“ erschien folgender Beitrag, der in den sozialen Medien rasch die Runde machte und x-Mal kommentiert wurde:

Es folgt: ein kleiner Nachrichtenüberblick der letzten Tage.
• Julia Klöckner will Burkas verbieten. Vollverschleierung steht für „ein abwertendes Frauenbild“, sagt sie. „Burka geht gar nicht“, findet auch Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion. „Dass Frauen sich nur komplett verhüllt im öffentlichen Raum bewegen dürfen, kann ich nicht akzeptieren.“ Wohlgemerkt: „dürfen“. Von „wollen“ kann nicht die Rede sein, das würde die betroffenen Frauen ja als Subjekte outen, und dann wär’s komplizierter.
• Kompliziert ist es auch mit der „Pille danach“. Was haben sie sich gesträubt bei der CDU, damit die Pille danach nicht rezeptfrei wird, und jetzt wird sie es doch, der EU sei Dank. Da ärgert sich Jens Smartieboy Spahn und twittert: „Wie wäre eigentlich ne ,Pille anstatt‘ statt einer ,Pille danach‘…? “ Ja, wie wäre das? Und wie wäre „Denken statt Twittern“ statt „Denken danach oder gar nicht“?
Weiter im Newsfeed.
• In Großbritannien gibt es neue Regeln für Pornos, die man per Video on Demand gucken kann. Diese dürfen jetzt bestimmte Sexpraktiken nicht mehr zeigen, unter anderem weibliche Ejakulation. Männliche Ejakulation bleibt erlaubt.
Nächste Nachricht:
• Die ungarische Polizei will Vergewaltigungen verhindern und dreht dafür ein Video, in dem sich junge Frauen in kurzen Röcken betrinken. Die Botschaft am Ende: „Du kannst etwas dafür, du kannst etwas dagegen tun.“
Und sonst so? Madonna zieht sich für das Magazin Interview aus. „Madonna wieder nackt: Muss das sein?“, fragt das Rolling-Stone-Magazin. Nö, weißte was, muss nicht.
Man kann das alles auch etwas kürzer zusammenfassen: Liebe Frauen, denkt bloß nicht, dass euer Körper euch selbst gehört. Euer Körper ist ein Kampfplatz mit Brüsten. Doch, klar sollt ihr euch hübsch machen. Denn ja, natürlich werdet ihr nach eurem Äußeren bewertet. Ja, natürlich mehr als Männer. Falls ihr eine Burka tragen wollt: bloß nicht! Zeigt mehr Haut! Falls ihr gerade nackt seid: Zieht euch gefälligst was an, ihr Schlampen!
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ihr intuitiv das Richtige tut. Eine meiner Lieblingstitelseiten hatte die InTouch vom letzten März: „Mager-Schock“ heißt es da über Heidi Klum und „Kilo-Frust: Sie wird immer dicker“ über Britney Spears, die ein Eis leckt. Die einen so, die anderen so, Hauptsache, falsch.
In der Öffentlichkeit essen sollt ihr sowieso nicht, jedenfalls nicht in der U-Bahn, sonst posten fremde Menschen von euch Fotos in der Facebookgruppe „Women who eat on tubes“ und 32.600 Leute lachen euch aus.
Diese Woche gab es wieder eine der berühmten „Victoria’s Secret“-Shows in London: Die besten Models der Welt präsentieren mit Engelsflügeln neue BHs und Schlüpper, und jedes Jahr träumen Tausende Mädchen davon, das auch zu dürfen. Scheiße, Mädels, hört auf zu warten. Sägt euch mit der Kettensäge Flügel aus Spanplatten oder schneidert euch welche aus leeren Pommespackungen und macht die ganze beschissene Welt zu eurem Laufsteg, denn für die allermeisten von euch wird Heidi nie ein Foto haben, und das ist etwas, worüber ihr echt froh sein könnt.(Ende des Zitates).
Das ist nur ein Auszug. Er zeigt aber, dass es bis zur Würde noch ein weiter Weg ist – in der so genannten Medienwelt und deren Objektivität der Betrachtung.
Es sind Begegnungen der dritten Unart in der medialen Welt und die Transparenz dient vornehmlich dem Voyeurismus und nicht der Empörung über Normen, die noch immer vorgegeben scheinen – von Blatt- und TV-Machern. –

Die derzeitige Diskussion anno 2015 über Adoptionen durch Paare, die nicht aus Frau und Mann bestehen, ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Gesellschaft immer noch durch den Alltagsfaschismus oktroyiert ist – ein Fortschritt im Denken für mehr Freiheit und Gleichheit und Selbstbestimmtheit ist nicht abzusehen.
Die Frau in der medialen Wirklichkeit: Noch immer ein durch den Männerblick gezeigtes Objekt der Begierde. Diese ist die dritte Unart – eine negative Ausgeburt der Transparenz der Frau. (WWL)
(Schluss)

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