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Anmerkung zum Faschings-Ende 2. März 2014

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Masken und Spiegel

Rosenmontag und Faschings-Dienstag: Viele Menschen maskieren sich als solche, die sie einmal gerne gewesen wären oder sein wollen.
Faschings-Treiben ist ein Vertreiben der Wirklichkeit und ein Versteckspiel – damit eine Erlösung von der Qual des realen Lebens. Das ist gut so, sagen die einen. Das ist schlecht so, meinen die anderen.
Die, die es für gut halten, schätzen Unterhaltung als Entspannung vom Thrill des Alltags in allen Bereichen. Abseits von Horrormeldungen von Kriegsschauplätzen, von Verbrechen, vom Bruch der Menschenrechte, abseits von Unfreiheit: Die Hofnarren durften seinerzeit des Mächtigen die Meinung sagen, heute scheint jede Meinung eine Narretei, weil die Mächtigen nicht einmal mehr darüber lachen.
Die es für schlecht halten vergleichen die Situation mit Luigi Pirandellos Spiegel- und Maskentheater, in der die Menschen auf der Suche nach einem Regisseur sind, der ihnen ihre Identität zeigt und wieder gibt, die im Gemetzel des Alltags der Familien und der Berufe verloren ging. Der Traum vom einen Spiegelbild, in dem man sich so sieht, wie man ist und nicht so, wie man gezwungen ist zu sein.
Apropos Italien: Wenn man die Masken in Venedig sieht, so erkennt man in ihnen Gleichmut und Hoheit, das Erhabene der Erkenntnis ebenso wie die Nachdenklichkeit darüber, dass mitten im Leben der Tod lauert und dass dem Heiteren die Eishand des Unerbittlichen, des Todes, treffen kann. Jederzeit.
Der Fasching hat seinen Höhepunkt überall auf der Welt. Der Samba in Rio oder die Redouten hierzulande, die Närrinnen und Narren im Rheinland oder wüsten archaischen Fasnachtsbräuche in den Alpen, wo aus der Natur die Gestalten sich erheben, um für kurze Zeit Teil der Gesellschaft zu werden.
Es ist Vergänglichkeit, die im Faschingsende ihren Ausdruck findet. Nicht wegen der dan folgenden Fastenzeit, sondern wegen der Vergänglichkeit des heute noch Wesentlichen, das morgen schon im Gestern liegt.
Das Unzulängliche wird zum Maß der Dinge – und damit auch zum Maß des Endes. Einmal noch der Schrei der Lust und Heiterkeit – komme, was da wolle.
Fasching ist Loslösung von der Wirklichkeit, die uns alle früh genug wieder auf den Boden der Fasten-Gedanken und der grauenhaften Schlagzeilen-Meldungen zurückwirft.

Winfried Werner Linde

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