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Tram Number six – eine Notiz 14. Januar 2014

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Tram Number six.
(Eine Notiz)

Die Erinnerung stürzt wie ein Blick in das Universum auf einen ein.
Ein Blick in das Nichts.
Ein Blick wie in einen Abgrund voller Felsabbrüche in den Alpen.
Ein Blick in sich selbst.

Plötzlich stand die alte Dame hinter mir. Gestützt auf einen Rollator. Ohne Handbewegungen und andere Regungen begann sie sprechen: „Manchmal lagen die Toten nach dem Bombenangriff vor 70 Jahren noch tagelang vor dem Hoteleingang. Dort, wo vorher die Kurgäste ein und aus gingen, hasteten nun die Ärzte und Krankenschwestern. Junge Mädchen wie ich. Meistens vom BDM, wie das damals hieß. Keine Ahnung von Medizin hatten wir, keine Ahnung von Pflege. Wir konnten nur tragen, aufrichten, Körper von den Kleider frei machen, vom Blut reinigen und Blutungen stoppen. Mit frisch gewaschenen Leintüchern aus der Hoteleinrichtung. Das war es, damals.“
Unwillkürlich, obwohl ich es nicht wollte, weil mich in der Kälte des Dezember ohnedies schauerte, stellte ich die Frage: „Was war damals?“
„Die Bomber flogen über Innsbruck und waren Brand- und Sprengbomben ab. Alles kam unerwartet. Alle waren ungeschützt. Kein Alarm, nichts.“ Sie stockte, richtete sich kurz auf: „Nein. Stimmt nicht. Es gingen die Sirenen, aber viel zu spät.“
Sie sagte „gingen“, nicht heulten. Die Sirenen gingen . . .
Mit ihnen ging der Tod einher, das Leid, das Entsetzen, die Flucht in die Keller.
Weg von der Straße.
Raus aus den Wohnungen.
Die Todeswelle rollt.
„Viel zu spät. Viel zu spät. Wie die Erkenntnis der Lügen, auf die alles aufgebaut war.“ Sie hielt inne.
„Ich warte auf die Sechser“, sagt sie. Und: „Wissen Sie, wann sie wieder fährt.“
„In wenigen Minuten“, sagte ich.
„Helfen Sie mir in den Wagen. Ich muss mit der Bahn heimfahren. Den Anblick hier ertrage ich nicht mehr. Nicht mehr die Erinnerungen.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Ja“, sagte sie, „ja. Schweigen. Das ist die einzige Lösung. Man kann nichts mehr sagen, nichts mehr beschreiben. Die Bilder im Kopf, die Erinnerungen.“
Die Sechser fuhr in den Bahnhof ein.
Die Dame ging langsam auf den Bahnsteig.
Ich half ihr in den Wagen. Doch sie brauchte meine Hilfe ohnedies nicht.
„Ich setze mich gleich zur Türe“, sagte sie.
Schweigen.
Warten.
Nein, dachte ich. Nein. Ich fahre nicht mit dieser Bahn. Ich warte noch eine Stunde.
Es war plötzlich ein Föhntag im Winter geworden und nicht mehr sehr kalt.
Also setzte ich mich auf eine Bank beim Bahnhof.
Manchmal, während ich diese Stunde wartete, dünkte mir, als würde auch ich die Schreie hören.
Blut und Bomben sind überall, zu allen Zeiten, dachte ich.
Dann griff ich in die Tasche, holte meine Zigaretten hervor und rauchte, während ich zu den nahen Häusern starrte.
Es war ein Tag wie jeder andere Föhntag in Igls, aber doch ganz anders.
Ach ja: Die Tage mit den Rauchgesichtern sind bald vorüber.
Und mit den Gedanken werden eben die Tage anders. . . .
(Winfried Werner Linde)

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