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Manifest zur Zeit, ewig gültig: Wolfgang Borchert vor fast 70 Jahren. 26. August 2013

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Angesichts der Meldungen über ständig drohende Kriege, angesichts der Bilder von den Krieg- und Katastrophen-Schauplätzen, angesichts des Elends in den Staaten der Welt, angesichts des Hungers und der Grausamkeit, angesichts der Gewinne, die einige wenige auf Kosten der Verelendeten machen, angesichts der Schlagzeilen, angesichts der sozialen Medien mit den ungezählten Aufrufen:
Ein Text von Wolfgang Borchert, den er vor fast 70 Jahren geschrieben hat. Borchert starb gleich nach dem 2. Weltkrieg.

Wolfgang Borchert
DAS IST UNSER MANIFEST

Helm ab Helm ab: – Wir haben verloren !
Die Kompanien sind auseinandergelaufen. Die Kompanien, Bataillone,
Armeen. Die großen Armeen. Nur die Heere der Toten, die stehn noch.
Stehn wie unübersehbare Wälder: dunkel, lila, voll Stimmen. Die Ka-
nonen aber liegen wie erfrorene Urtiere mit steifem Gebein. Lila vor
Stahl und überrumpelter Wut. Und die Helme, die rosten. Nehmt die
verrosteten Helme ab: Wir haben verloren.

In unsern Kochgeschirren holen magere Kinder jetzt Milch. Magere
Milch. Die Kinder sind lila vor Frost. Und die Milch ist lila vor Armut.
Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin und Jawohl sa-
gen auf ein Gebrüll. Die Kanonen und die Feldwebel brüllen nicht mehr.
Wir werden weinen, scheißen und singen, wann wir wollen. Aber das
Lied von den brausenden Panzern und das Lied von dem Edelweiß wer-
den wir niemals mehr singen. Denn die Panzer und die Feldwebel brau-
sen nicht mehr und das Edelweiß, das ist verrottet unter dem blutigen
Singsang. Und kein General sagt mehr Du zu uns vor der Schlacht. Vor
der furchtbaren Schlacht.

Wir werden nie mehr Sand in den Zähnen haben vor Angst. (Keinen
Steppensand, keinen ukrainischen und keinen aus der Cyrenaika oder
den der Normandie -und nicht den bitteren bösen Sand unserer Heimat!)
Und nie mehr das heiße tolle Gefühl in Gehirn und Gedärm vor der
Schlacht.

Nie werden wir wieder so glücklich sein, daß ein anderer neben uns ist.
Warm ist und da ist und atmet und rülpst und summt – nachts auf dem
Vormarsch. Nie werden wir wieder so zigeunerig glücklich sein über ein
Brot und fünf Gramm Tabak und über zwei Arme voll Heu. Denn wir
werden nie wieder zusammen marschieren, denn jeder marschiert von
nun an allein. Das ist schön. Das ist schwer. Nicht mehr den sturen knur-
renden Andern bei sich zu haben – nachts, nachts beim Vormarsch. Der
alles mit anhört. Der niemals was sagt. Der alles verdaut.
Und wenn nachts einer weinen muß, kann er es wieder. Dann braucht
er nicht mehr zu singen – vor Angst.

Jetzt ist unser Gesang der Jazz. Der erregte hektische Jazz ist unsere
Musik. Und das heiße verrückttolle Lied, durch das das Schlagzeug hin-
hetzt, katzig, kratzend. Und manchmal nochmal das alte sentimentale
Soldatengegröl, mit dem man die Not überschrie und den Müttern ab-
sagte. Furchtbarer Männerchor aus bärtigen Lippen, in die einsamen Däm-
merungen der Bunker und der Güterzüge gesungen, mundharmonika-
blechüberzittert :

Männlicher Männergesang -hat keiner die Kinder gehört, die sich
die Angst vor den lilanen Löchern der Kanonen weggrölten?
Heldischer Männergesang -hat keiner das Schluchzen der Herzen
gehört, wenn sie Juppheidi sangen, die Verdreckten, Krustigen, Bärtigen,
überlausten ?

Männergesang, Soldatengegröl, sentimental und übermütig, männ-
lich und baßkehlig, auch von den Jünglingen männlich gegrölt: Hört
keiner den Schrei nach der Mutter? Den letzten Schrei des Abenteurers
Mann? Den furchtbaren Schrei: Juppheidi?

Unser Juppheidi und unsere Musik sind ein Tanz über den Schlund,
der uns angähnt. Und diese Musik ist der Jazz. Denn unser Herz und
unser Hirn haben denselben heißkalten Rhythmus: den erregten, verrück-
ten und hektischen, den hemmungslosen.

Und unsere Mädchen, die haben denselben hitzigen Puls in den Hän-
den und Hüften. Und ihr Lachen ist heiser und brüchig und klarinetten-
hart. Und ihr Haar, das knistert wie Phosphor. Das brennt. Und ihr Herz,
das geht in Synkopen, wehmütig wild. Sentimental. So sind unsere Mäd-
chen: wie Jazz. Und so sind die Nächte, die mädchenklirrenden Nächte:
wie Jazz: heiß und hektisch. Erregt.

Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre? Wir brauchen keine
wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz.
Wer macht für uns ein lilanes Geschrei? Eine lilane Erlösung ? Wir
brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut.

Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Gramma-
tik fehlt uns Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchz-
ten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen
und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv.

Für Semikolons haben wir keine Zeit und Harmonien machen uns
weich und die Stilleben überwältigen uns: Denn lila sind nachts unsere
Himmel. Und das Lila gibt keine Zeit für Grammatik, das Lila ist schrill
und ununterbrochen und toll. Über den Schornsteinen, über den Dächern :
die Welt: lila. Über unseren hingeworfenen Leibern die schattigen Mul-
den: die blaubeschneiten Augenhöhlen der Toten im Eissturm, die vio-
lettwütigen Schlünde der kalten Kanonen -und die lilane Haut unserer
Mädchen am Hals und etwas unter der Brust. Lila ist nachts das Gestöhn
der Verhungernden und das Gestammel der Küssenden. Und die Stadt
steht so lila am nächtlich lilanen Strom.

Und die Nacht ist voll Tod: Unsere Nacht. Denn unser Schlaf ist voll
Schlacht. Unsere Nacht ist im Traumtod voller Gefechtslärm. Und die
nachts bei uns bleiben, die lilanen Mädchen, die wissen das und morgens
sind sie noch blaß von der Not unserer Nacht. Und unser Morgen ist
voller Alleinsein. Und unser Alleinsein ist dann morgens wie Glas. Zer-
brechlich und kühl. Und ganz klar. Es ist das Alleinsein des Mannes.
Denn wir haben unsere Mütter bei den wütennden Kanonen verloren.
Nur unsere Katzen und Kühe und die Läuse und die Regenwürmer, die
ertragen das große eisige Alleinsein. Vielleicht sind sie nicht so nebenein-
ander wie wir. Vielleicht sind sie mehr mit der Welt. Mit dieser maß-
losen Welt. In der unser Herz fast erfriert.

Wovon unser Herz rast? Von der Flucht. Denn wir sind der Schlacht
und den Schlünden erst gestern entkommen in heilloser Flucht. Von der
furchtbaren Flucht von einem Granatloch zum andern – die mütterlichen
Mulden – davon rast unser Herz noch -und noch von der Angst.
Horch hinein in den Tumult deiner Abgründe. Erschrickst du? Hörst
du den Chaoschoral aus Mozartmelodien und Herms Niel-Kantaten?
Hörst du Hölderlin noch? Kennst du ihn wieder, blutberauscht, kostü-
miert und Arm in Arm mit Baldur von Schirach ? Hörst du das Landser-
lied? Hörst du den Jazz und den Luthergesang?

Dann versuche zu sein über deinen lilanen Abgründen. Denn der Mor-
gen, der hinter den Grasdeichen und Teerdächern aufsteht, kommt nur
aus dir selbst. Und hinter allem? Hinter allem, was du Gott, Strom und
Stern, Nacht, Spiegel oder Kosmos und Hilde oder Evelyn nennst –
hinter allem stehst immer du selbst. Eisig einsam. Erbärmlich. Groß. Dein
Gelächter. Deine Not. Deine Frage. Deine Antwort. Hinter allem, uni-
formiert, nackt oder sonstwie kostümiert, schattenhaft verschwankt, in
fremder fast scheuer ungeahnt grandioser Dimension: Du selbst. Deine
Liebe. Deine Angst. Deine Hoffnung.

Und wenn unser Herz, dieser erbärmliche herrliche Muskel, sich selbst
nicht mehr erträgt – und wenn unser Herz uns zu weich werden will in
den Sentimentalitäten, denen wir ausgeliefert sind, dann werden wir laut
ordinär. Alte Sau, sagen wir dann zu der, die wir am meisten lieben.
Und wenn Jesus oder der Sanftmütige, der einem immer nachläuft im
Traum, nachts sagt: Du, sei gut! – dann machen wir eine freche Re-
spektlosigkeit zu unserer Konfession und fragen: Gut, Herr Jesus, war-
um ? Wir haben mit den toten Iwans vorm Erdloch genauso gut in Gott

gepennt. Und im Traum durchlöchern wir alles mit unsern M. Gs. : Die
Iwans. Die Erde. Den Jesus.

Nein, unser Wörterbuch, das ist nicht schön. Aber dick. Und es stinkt.
Bitter wie Pulver. Sauer wie Steppensand. Scharf wie Scheiße. Und laut
wie Gefechtslärm.

Und wir prahlen uns schnodderig über unser empfindliches deutsches
Rilke-Herz rüber. Über Rilke, den fremden verlorenen Bruder, der unser
Herz ausspricht und der uns unerwartet zu Tränen verführt: Aber wir
wollen keine Tränenozeane beschwören – wir müssen denn alle ersau-
fen. Wir wollen grob und proletarisch sein, Tabak und Tomaten bauen
und lärmende Angst haben bis ins lilane Bett – bis in die lilanen Mäd-
chen hinein. Denn wir lieben die lärmend laute Angabe, die unrilkesche,
die uns über die Schlachtträume hinüberrettet und über die lilanen Schlün-
de der Nächte, der blutübergossenen Äcker, der sehnsüchtigen blutigen
Mädchen.

Denn der Krieg hat uns nicht hart gemacht, glaubt doch das nicht,
und nicht roh und nicht .leicht. Denn wir tragen viele weltschwere wäch-
serne Tote auf unseren mageren Schultern. Und unsere Tränen, die saßen
noch niemals so lose wie nach diesen Schlachten. Und darum lieben wir
das lärmende laute lila Karussell, das jazzmusikene, das über unsere
Schlünde rüberorgelt, dröhnend, clownig, lila, bunt und blöde -viel-
leicht. Und unser Rilke-Herz – ehe der Clown kräht -haben wir es
dreimal verleugnet. Und unsere Mütter weinen bitterlich. Aber sie, sie
wenden sich nicht ab. Die Mütter nicht !

Und wir wollen den Müttern versprechen :

Mütter, dafür sind die Toten nicht tot: Für das marmorne Krieger-
denkmal, das der beste ortsansässige Steinmetz auf dem Marktplatz baut
– von lebendigem Gras umgrünt, mit Bänken drin für Witwen und Pro-
thesenträger. Nein, dafür nicht. Nein, dafür sind die Toten nicht tot:
Daß die Überlebenden weiter in ihren guten Stuben leben und immer
wieder neue und dieselben guten Stuben mit Rekrutenfotos und Hinden-
burgportraits. Nein, dafür nicht.

Und dafür, nein, dafür haben die Toten ihr Blut nicht in den Schnee
laufen lassen, in den naßkalten Schnee ihr lebendiges mütterliches Blut:
Daß dieselben Studienräte ihre Kinder nun benäseln, die schon die
Väter so brav für den Krieg präparierten. (Zwischen Langemarck und
Stalingrad lag nur eine Mathematikstunde.) Nein, Mütter, dafür starbt
ihr nicht in jedem Krieg zehntausendmal !

Das geben wir zu: Unsere Moral hat nichts mehr mit Betten, Brüsten,
Pastoren oder Unterröcken zu tun – wir können nicht mehr tun als gut
sein. Aber wer will das messen, das «Gut»? Unsere Moral ist die Wahr-
heit. Und die Wahrheit ist neu und hart wie der Tod. Doch auch so
milde, so überraschend und so gerecht. Beide sind nackt.

Sag deinem Kumpel die Wahrheit, beklau ihn im Hunger, aber sag
es ihm dann. Und erzähl deinen Kindern nie von dem heiligen Krieg :
Sag die Wahrheit, sag sie so rot wie sie ist: voll Blut und Mündungs-
feuer und Geschrei. Beschwindel das Mädchen noch nachts, aber morgens,
morgens sag dann die Wahrheit: Sag, daß du gehst und für immer. Sei
gut wie der Tod. Nitschewo. Kaputt. For ever. Parti, perdu und never
more.

Denn wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht nein aus Verzweif-
lung. Unser Nein ist Protest. Und wir haben keine Ruhe beim Küssen,
wir Nihilisten. Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bau-
en. Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins, über den
Schlünden, den Trichtern und Erdlöchern und den offenen Mündern der
Toten: Häuser bauen in die reingefegte Luft der Nihilisten, Häuser aus
Holz und Gehirn und aus Stein und Gedanken..

Denn wir lieben diese gigantische Wüste, die Deutschland heißt. Dies
Deutschland lieben wir nun. Und jetzt am meisten. Und um Deutsch-
land wollen wir nicht sterben. Um Deutschland wollen wir leben. Über
den lilanen Abgründen. Dieses bissige, bittere, brutale Leben. Wir neh-
men es auf uns für diese Wüste. Für Deutschland. Wir wollen dieses
Deutschland lieben wie die Christen ihren Christus: Um sein Leid.

Wir wollen diese Mütter lieben, die Bomben füllen mußten – für ihre
Söhne. Wir müssen sie lieben um dieses Leid.

Und die Bräute, die nun ihren Helden im Rollstuhl spazierenfahren,
ohne blinkernde Uniform – um ihr Leid.

Und die Helden, die Hölderlinhelden, für die kein Tag zu hell und
keine Schlacht schlimm genug war – wir wollen sie lieben um ihren ge-
brochenen Stolz, um ihr umgefärbtes heimliches Nachtwächterdasein.

Und das Mädchen, das eine Kompanie im nächtlichen Park verbrauch-
te und die nun immer noch Scheiße sagt und von Krankenhaus zu Kran-
kenhaus wallfahrten muß – um ihr Leid.

Und den Landser, der nun nie mehr lachen lernt –

und den, der seinen Enkeln noch erzählt von einunddreißig Toten
nachts vor seinem, vor Opas M. G. –

sie alle, die Angst haben und Not und Demut: Die wollen wir lieben
in all ihrer Erbärmlichkeit. Die wollen wir lieben wie die Christen ihren
Christus: Um ihr Leid. Denn sie sind Deutschland. Und dieses Deutsch-
land sind wir doch selbst. Und dieses Deutschland müssen wir doch wie-
der bauen im Nichts, über Abgründen: Aus unserer Not, mit unserer
Liebe. Denn wir lieben dieses Deutschland doch. Wie wir die Städte lie-
ben um ihren Schutt – so wollen wir die Herzen um die Asche ihres Lei-
des lieben. Um ihren verbrannten Stolz, um ihr verkohltes Heldenko-
stüm, um ihren versengten Glauben, um ihr zertrümmertes Vertrauen,
um ihre ruinierte Liebe. Vor allem müssen wir die Mütter lieben, ob sie
nun achtzehn oder achtundsechzig sind – denn die Mütter sollen uns die
Kraft geben für dies Deutschland im Schutt.

Unser Manifest ist die Liebe. Wir wollen die Steine in den Städten lie-
ben, unsere Steine, die die Sonne noch wärmt, wieder wärmt nach der
Schlacht –

Und wir wollen den großen Uuh-Wind wieder lieben, unseren Wind,
der immer noch singt in den Wäldern. Und der auch die gestürzten Bal-
ken besingt –

Und die gelbwarmen Fenster mit den Rilkegedichten dahinter –

Und die rattigen Keller mit den lilagehungerten Kindern darin –

Und die Hütten aus Pappe und Holz, in denen die Menschen noch es-
sen, unsere Menschen, und noch schlafen. Und manchmal noch singen.

Und manchmal und manchmal noch lachen –

Denn das ist Deutschland. Und das wollen wir lieben, wir, mit ver-
rostetem Helm und verlorenem Herzen hier auf der Welt.

Doch, doch: Wir wollen in dieser wahn-witzigen Welt noch wieder,
immer wieder lieben!

(Ende des Zitates)

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