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Begegnung am Jüdischen Friedhof in Innsbruck 24. Juli 2013

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Begegnung am Jüdischen Friedhof.

Manchmal, in der Hitze, sucht man den Schatten von Bäumen und die Stille. Manchmal, bei den seltenen Besuchen am Aschengrab meiner Mutter und meines Bruders, setze ich mich auf eine Bank, gleich neben dem Eingang des Jüdischen Friedhofes in Innsbruck.
Dort ist Schatten und die Bilder von den Gräbern und den Steinen mahnen an die eigene Vergänglichkeit ebenso wie an das Leben und die Aufgaben, die man vielleicht noch hat.
Vielleicht. Ja. Denn über allem steht die Mahnung: Bedenke Mensch, dass du nichts mehr bist als Staub und dass die Seele nur eine vage Hoffnung ist, eine Erkenntnis, dass man von einem selbst, wie auch von den Anderen, nichts weiß. Nichts.
Kürzlich, es war ein heißer Nachmittag, saß ich wieder einmal auf der Bank. Nur wenige Besucherinnen waren am Westfriedhof in Innsbruck zu sehen.
Als ich noch einmal zurück blickte, sah ich eine Dame aus dem Jüdischen Friedhof kommen. Sie trug ein Blatt Papier in der Hand, sah zu mir, kam schnellen Schrittes trippelnd näher. Sie trug ein rotes Kostüm. Als sie näher kam, bemerkte ich, dass sie neben dem Kragen der Bluse eine große Blume angesteckt hatte, die, wohl künstlich hergestellt, die Form eines so genannten „Judensternes“ hatte – eine Kennzeichnung, die die Nationalsozialisten für jüdische Mitbürger erfunden hatten.
Die Dame kam meinem Sitzplatz immer näher, ich wollte schon zur Seite rücken, um ihr Platz zu machen, als sie mich ansah, den Kopf schüttelte und sagte: „Nein. Ich setze mich nicht. Aber haben Sie Dank, dass Sie mir Platz machen wollten.“
Während sie das sagte, stand sie vor mir und reichte mir das Blatt Papier: „Ich möchte Ihnen das geben“, sagte sie. „Fragen Sie nicht, warum. Aber ich habe das eben geschrieben, weil ich es niemandem sagen konnte. Ich gebe es Ihnen und ich habe es Ihnen hiermit gesagt.“
Mit diesen Worten reichte Sie mir das Blatt Papier, das ich unwillkürlich annahm, dann drehte sie sich um und ging weiter. Über die Schulter sprach sie dann noch zurück: „Fragen Sie nichts, lesen Sie nur.“
„Ja, aber . . .“, versuchte ich zu sagen.
„Kein Aber. Lesen Sie.“
Das klang schon weit weg und bei der nächsten Wegkreuzung verschwand sie um die Ecke zwischen den Grabsteinen. Sie war schon älter und ganz klein, stellte ich jetzt erst, nachträglich, fest.
Ich musste das eben Gesehene und Gehörte erst verarbeiten, das Bild begreifen. Alles war so rasch gegangen. Viel zu rasch.
Der Versuch, sie noch einmal zu sehen, scheiterte – ich sah sie nicht mehr, obwohl ich aufgestanden war, um alles überblicken zu können. Kein Rot, keine Frau.
Nur ein Blatt Papier.
Ich setzte mich wieder, nestelte nach meiner Brille und begann schließlich zu lesen.
Mit einer deutlichen und klaren, sehr steilen Handschrift war da ein Gedicht geschrieben:
„Am Grab der verdorrten Rosen,
darüber die Krähe schreit.
An den Gräbern der einsamen Juden
scheint Geschichte unendlich weit.
Ameisen wandern in Straßen
der Friedhofsmauer entlang.
Es ist wieder Zeit, da Menschen hassen –
Erinnerung macht die Gedanken bang.
Wir sind in Trauer geborgen,
im Alltag politischer Sorgen,
im Suchen der letzten Freiheit.
Die Welt ist nicht anders geworden-
wieder schreien entfesselte Horden
und säen den Hass in die Zeit.“

Hier endete das Gedicht..
Den handgeschriebenen Text, so sagte ich mir, müsste ich doch möglichst rasch wieder der Dame zurückgeben.
Doch so sehr ich mich in den nächsten Minuten auf dem Friedhof umsah, ich konnte sie nicht mehr sehen.
Sie war wie spurlos verschwunden.
Ratlos drehte ich das Blatt hin und her – und gewahrte, dass auf der Rückseite ein Satz stand: „Bitte nicht verbrennen, um des Friedens der Seelen wegen: Bitte nicht verbrennen. Wenn Sie es gelesen haben, legen Sie es dort hin, wo es jemand anderer finden kann.“
Ganz in Gedanken verließ ich den Friedhof und dachte nach, wohin ich das Blatt Papier legen könnte.
Entlang der Friedhofsmauer gibt es eine kleine Allee. Zwischen den Baum-Abständen parken Autos. Ich ging zu einem der Autos, es war ein rotes Auto, das ich mit Bedacht ausgewählt hatte, faltete das Blatt Papier und steckte es hinter den Scheibenwischer an der Windschutzscheibe.
Ich stellte mich etwas entfernt an die Mauer, um zu betrachten, wem ich das Blatt weiter gegeben hatte und welches Schicksal der Text der Dame im roten Kostüm weiter habe.
Es verging eine knappe Viertelstunde, als das Fahrzeug aufblinkte, weil ein Mann, der ein kleines Mädchen an der Hand führte, den Tür-Automaten betätigt hatte.
Er wollte gerade mit der Kleinen einsteigen, als er den Zettel an der Windschutzschreibe bemerkte. Mit dem Satz: „Schon wieder so eine Werbung“ nahm er das Blatt hinter dem Scheibwischer hervor und warf es einfach weg.
Die Kleine bemerkte das und hob das Blatt auf. Sie entfaltete es und entdeckte die Schrift: „Papa. Da steht etwas. Es ist keine Werbung, sondern ein Brief mit Handschrift. Wie jene von Oma.“
„Oma ist schon lange tot“, sagte der Mann etwas ungehalten.
„Wir müssen es lesen. Wir müssen es lesen“, beharrte die Kleine.
„Ja, später. Ja. Steig jetzt endlich ein und schnall dich an.“
Die Kleine presste das Blatt Papier an sich und stieg ein.
Der Mann startete den Wagen und fuhr los.
Jetzt erst bemerkte ich, dass meine Füße vom langen Stehen schmerzten.
Vorne, an der Kreuzung, das wusste ich, war ein Lokal. Ich kannte es von früher. Vor Jahrzehnten war ich oft dort Gast. Und redete mir mit Freunden den Kopf heiß, über Gott und die Welt.
Und, manchmal, auch darüber, wie das wohl gewesen sein mochte, damals . . .
Als ich die paar Stufen zum Eingang des Lokales hochging, drang mir schon das Geräusch von diskutierenden Menschen entgegen.
Manche Dinge, dachte ich, ändern sich eben nicht.
Dann ging ich durch die Türe des Lokales, roch wieder Wein und Bier und Schnaps, Zigarren- und Zigarettenrauch.
Es war, als hätte sich nichts verändert. Tatsächlich, nichts. Gar nichts.
——
Winfried Werner Linde

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Kommentare

1. Mariane Wolf - 25. Juli 2013

Der Text berührt, rüttelt wach, fernab jeglicher Zuckerwatte-Geschichte. In den Köpfen mancher Menschen, in ihren Einstellungen und Haltungen, hat sich wahrlich nichts verändert, *….denn die Welt ist nicht anders geworden…*

2. Marcellina - 26. Juli 2013

Der Text ist wunderschön. Darf ich ihn in englisch übersetzen und auf eigenes Blog schreiben? Natürlich mit Link zurück zu Ihnen.

wwlinde - 27. Juli 2013

Aber gerne, danke. Ich habe eine EMail geschrieben.


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