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Tiroler Frühling oder: Träumen darfst ja, WählerIn. 29. April 2013

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Wer von der Allmacht träumt, erwacht im Ghetto der eigenen Unzulänglichkeit. In dieser blüht die Dominanz der Selbstgerechtigkeit und in dieser wiederum der Verzicht auf alle Grundsätze.
Macht, wenn auch vom Volk auf Zeit verliehen, ist der Motor des Verrates an Grundsätzen, der Beginn von Pragmatismus und Opportunismus. Das Volk, aus dem durch die manipulierenden Medien jeder Art verursachten Tiefschlaf in der Hypnose der Angst vor der Macht erwachend, liebt, frei nach Cäsar, den Verrat, nicht aber den Verräter.
Macht geht immer mit dem Verrat an Grundsätzen, mit dem Bruch von Versprechungen und mit dem Vergessen der Politik einher, die darüber hinwegsieht, das sie Dienst am Volk ist und an der Gemeinschaft und nicht eitler Selbstzweck der Gewählten. Die Situation in Tirol, wie auch anderswo in Europa, ist derart, wie sie Brecht beschrieb: Es wäre besser, die Regierenden wählten sich ein anderes Volk.
Ein Beispiel: Die Sprüche des Grünen Gebhard Mair, Magister der Politikwissenschaften, kennzeichnen die Ignoranz gegenüber dem Volk und die Diskriminierung einer ganzen Generation, nämlich jener der Seniorinnen und Senioren. Die Altvorderen seien konservativ und unbeweglich und überhaupt zum Vergessen. Das ist, demographisch gesehen, eine Diskriminierung von über einem Drittel der Gesellschaft. Jenes Drittels, das erst den demokratischen und auch finanziellen Weg ebnete, dass Berufsjugendliche wie Herr Mair in einer Bobo-Gesellschaft leben können. Als hemdsärmeliger Berufspolitiker und Stipendienreisender, wie auch immer. Gestählt nicht durch Fließbandarbeit, sondern im Fitnesstudio, wo auch immer.
Nun wären die Äußerungen vernachlässigbar, wenn sie nicht Beifall von jenen Seiten erhalten würden, die wiederum erst gesellschaftlich beweisen müssen, dass sie jene Kraft und Würde haben, die den so viel gelästerten Altvorderen eigen ist. Sie wären umso mehr vernachlässigbar, wenn sich die Bobo-Grünen nicht gerne als absolute soziale Alternative zu allen gesellschaftlichen Bewegungen apostrophieren würden und gleichzeitig aber immer dann diese Anliegen vergessen, wenn es sich um Menschen mit anderen Ansichten oder gar Traditionalisten-Senioren handelt.
Ausnahmen gibt es auch: Die Tiroler Grünen-Chefin präsentierte sich als Dirndl-Trägerin mit Charme am Tiroler Bauernbundball – Tradition hin, Bobo-Image her. Eben: Die Bourgoisie probt die Bohème und umgekehrt. Ohne den Glanz von Puccini, aber mit diskretem Charme.
Die Grünen haben derzeit den großen Vorteil, dass beispielsweise die Jusos die besseren Grünen sein wollen, aber ohne deren Bobo-Image. Doch die Gesellschaft will keine Politisierung, weil die Plebejer keinen Aufstand mehr proben (um es mit Grass zu sagen). Denn es gibt sie nicht mehr. Es gibt nur mehr Arme, Scheinreiche im Mittelstand und Steinreiche.
Gewerkschaften – zu wos brauch ma dös? Solidarität – wos is dös? Freiheit? Hamma eh. Gleichheit – spinnsch, sein eh alle gleich.
Landauf, landab tönt es: Die Sozialdemokratie ist tot. Und jeder Politologie-Studierte in den Medien-Redaktionen ist der bessere Landeshauptmann oder Regierende und überhaupt: Es muss alles ganz anders werden, in Tirol.
Keiner fragt schamhaft nach: Wo bitte ist eure Leistung für die Gesellschaft, für die Gemeinschaft, für das, was wir demokratisches und soziales Gefüge nennen? Ach ja: Da fragt ja wieder so ein Oldie, kurz vor der absoluten Senilität, der mit den Rollator nicht schnell genug über die Straße kommt – auch so ein Spruch des Herrn Mair.
Das sind nur Beispiele eines erbärmlichen geistigen politischen Klimas in einem Land, in dem Menschen in den Tälern hart arbeiten – meistens im Nebenerwerb als Bauern. In einem Land, in dem Menschen täglich um ihre Existenz bangen. Aber auch in einem Land, das weltweites Ansehen in Medizin und Forschung hat, in dem innovative Betriebe entstehen und in dem die Gesundheitsversorgung und die Altersversorgung (noch) bestens ist.
Peter Handkes Satz vom Mündel, das der Vormund sein will (so der Titel eines seiner Werke) passt haargenau auf die Grünen: Sie drängen zu Macht und glauben, gegen die Allmacht der Volkspartei auch nur den Funken einer Chance zu haben, auch wenn diese nun plötzlich erkennt, dass sie sich modernisieren muss. Die Schwarzen wollen die besseren Grünen sein, oder was?
Und was ist mit den Skandalen, den Korruptionen, den Mauscheleien. Wie verträgt sich Grünen-Ansicht mit der Tatsache, dass über Jahrzehnte die Lebenshilfe, eine Einrichtung der Lebenshilfe, zu einem Selbstbedienungsladen für CVer und andere verkommen ist. Dass die Landesbank Hypo, die im ORF die Verkehrsnachrichten sponsert (in Tirol), von einem Fiasko ins andere stürzte und dass einige der Verantwortlichen künftig noch immer im Landtag sitzen – neben den Grünen-Bündnis-PartnerInnen – eventuell.
Wie verträgt es sich, dass die Causa Agrargemeinschaften noch immer nicht gerecht geregelt ist, wie der Verfassungsgerichtshof es entschieden hat? Der Herr Geisler, Bauernbund-Chef, sitzt ja angeblich am Verhandlungstisch, mit den Grünen.
Von den Vertuschungen der Aufzahlungen auf Kosten der Tiwag-Kunden für die Cross-Border-Geschäfte einmal ganz zu schweigen (alles nachzulesen bei Markus Wilhelm in dietiwag.org).
Ach ja, die Grünen haben ja selbst einen Aufdecker. den Herrn Mair.
Quer durch die Tiroler Gesellschaft, die schon lange nicht mehr so dahindösig unter dem Herrgottswinkel sitzt, zieht sich das Unbehagen. Weil man sich lieber duckt als aufmuckt, verweigert man sich der Wahl. In Innsbruck gingen die Hälfte der Wahlberechtigten nicht zur Wahl. Die Grünen färbten die Stadt nicht um, wie die Journaille tönte, denn nur rund 12 Prozent der gesamten Wahlberechtigten wählten auch in der Stadt die Grünen. Die anderen Parteien blieben im einstelligen Bereich.
In Tirol gingen 44 Prozent nicht zur Wahl. Früher, als man noch politisch dachte, sprach man von einem möglicherweise faschistischen Potenzial. Heutzutage herrscht darüber keine Unruhe – Hauptsache, man ist gewählt worden und hat den Prosecco schon eingekühlt.
Es gibt keinen Tiroler Frühling in der Politik. Weil die Verlogenheit und Scheinheiligkeit sich jetzt in allen Parteien breit macht, die zur Macht drängen.
Sie haben sich halt wirklich ein anderes Volk gewählt, die Dienstleister, die sich selbst ihre Dienste und Verdienste leisten.
Winfried Werner Linde
PS: Dieser Beitrag bekommt ein Update, auf Grund der weiteren Entwicklungen. 30.4.2013
Gebi Mairs Interview im Standard und die Kommentare dazu:
http://derstandard.at/1363709531037/Ich-bin-ein-guter-Populist#forumstart
Update 30.4.2013
Nach dem Auszählen der Wahlkarten steht fest, dass 40 Prozent der WählerInnen tirolweit nicht zur Wahl gingen. In Innsbruck blieben rund 46 Prozent zuhause.
(WWL)

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