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Entführung in die Raserei – Carmen als Tanztheater im Tiroler Landestheater 3. Januar 2013

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Dieser Beitrag war in meinem virtuellen Kosmos verschwunden. Er hätte schon im Oktober 2012 erscheinen sollen. Ich hole das hiermit mit Freude nach.

 

Liebe ist Leben und Leben ist Blut – Randnotiz zu „Carmen“ als Tanzstück im Großen Haus des Tiroler Landestheaters

Wie kannst du sagen, du habest dir mit dem Leben Mühe gegeben, wenn du nicht einmal tanzen willst?“ Hermine zu Harry Haller in Hermann Hesses „Steppenwolf“.

Dieses Zitat fällt einem ein, wenn man im Tiroler Landestheater die Adaption der Bizet-Oper „Carmen“ nach Prosper Mérimées Novelle durch ein Tanzstück-Libretto von Enrique Gasa Valga und Katajun Peer-Diamond erlebt. Die Tanz-Company zeigt dabei ein Manifest des Ausgeliefert-Seins an das, was gemeinhin als Triebleben bezeichnet wird, aber in Wahrheit der Ausbruch aus Zwängen der Gesellschaft, vorgezeichneten Riten und Verhaltensweisen ist. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen sich – in einem rasenden, wilden, ekstatischen Tempo getanzten Drama, das einem den Atem anhalten lässt. Es ist ein Widerstands-Tanzstück gegen jede Form von Depression und Resignation in einer Zeit, in der viel zu oft die Oberflächlichkeit und das Unzulängliche zum Maß wird.  In Andeutungen war das alles auch schon als Probenausschnitt beim Theaterfest zu sehen – aber die Aufführung übertrifft alle Erwartungen, die man an ein Landestheater setzt.

Liebe ist Leben und Leben ist Blut und wer in der Kunst nicht blutet, der schafft keine solche. Im Tiroler Landestheater sind diesfalls einmal Superlativen angebracht. Denn hier tritt ein Ensemble in Aktion, das auch Ausgrenzungen und Eingrenzungen überwindet: Die Tänzerinnen und Tänzer kommen aus der ganzen Welt und führen die grassierende politisch-ungeistige Seuche der Distanz zu den  „Ausländern“, die sich nicht nur politisch, sondern auch in der Kultur breit macht, ad absurdum.

Auch das muss einmal gesagt werden, denn es geht um Kunst und keine Grenzen, es geht um Kulturgeist, der die Kontinente überwindet.

Noch dazu, da neben der vom Band gespielten Musik von Radion Shchedrins „Carmen-Suite“ die Arrangement von Stefan Neuner (Gitarre) dazu kommen, vereint mit dem Percussionisten Matthias Legner und der Violine-Virtuosin Dorothea Sessler. Sie bringen unter anderem auch Pablo des Sarsates „Carmen-Fantasie“ und „Zigeunerweisen“ zu Gehör wie auch Pascual Parquina Narros „Espana cani“ Im Bühnenbild von Helfried Lauckner mit einer angedeuteten Riesen-Sanduhr,  aus der die Zeit in die Menschen hineinrinnt – Symbol der Vergänglichkeit auch von Leidenschaft und Gefühlen wie auch der Körperlichkeit.  Die Kostüme von Andrea Kuprian passen sich eben dieser Traum- und Realwelt an.

Verführung ist Entführung und Lebenstrieb

Gasa Valgas Konzept weicht auch dem Zeitgeistig-Esoterischen nicht aus – und damit der Tatsache, dass Tanz und Ausdruck sich immer mehr zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickeln – im privaten Bereich. Tango Argentino und Salsa boomen, beispielsweise.

Im Tanzstück zeichnet ein Orakel mit angedeuteten Karten das Rad des Schicksals vor: Marie Stockhausen ist die Interpretin, die Dezenz und Warnung  mit starkem Nach- und Ausdruck vermittelt.

Carmen wird von Clara Sorzano Hernández mit grandioser Verführungskunst getanzt, der ihr ausgelieferte Don José findet in Leoannis Pupo-Guillen einen leidenschaftlichen, letztlich aber resignierenden Interpreten.

Marta Jaén Garcia als Escamillo folgt den Intentionen des Choreographen, in dessen Absichten, das Verwechselbare der Geschlechter und der Verhaltensweisen aufzuzeigen in subtiler Weise. Natalia Fioroni spielt als Micaela ihre Weiblichkeit und die Verzweiflung über das Verhalten von Don José aus, Rouilan Ramos Hechevarria in der metaphorischen Doppel-Rolle als Carmens Ehemann und Stier sowie Carlos Contrera Ramirez als Don Josés Vorgesetzter sind weitere Highlights in der tänzerisch fulminanten Aufführung durch ein Ensemble, dem Chiung-yao Chiu, Vanessa Laws, Lore Pryszo, Mohana Rapin, Alexey Dmitrenko, Paolo Giglio, Andrii Lytvynenko, Luke Prunty und David Rodriguez Canabate als TänzerInnen in den „Massenszenen“ ebenfalls durch ihre Präsenz Akzente verleihen.

Ein Abend mit internationalem Format – vom Geist der Ur-Carmen-Poesie durchdrungen und mit der Kraft des tänzerischen Ausdrucks mitreißend und unter die Haut gehend.

Nächste Aufführung: 19.1.2013, Großes Haus, www.landestheater.at

Winfried Werner Linde

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