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Gedenken an die Pogromnacht 1938 – Text einer Rede 9. November 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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9.11.2012

Was soll man sagen an so einem Tag, an dem des Grauens gedacht wird? Was soll man Neues sagen, da doch alles schon gesagt wurde, über das Unmenschliche, den Tod, die schwersten Verletzungen, auch der psychischen, von Frauen und Männern, damals, 1938?

Was soll man sagen, ohne selbst sprachlos zu werden.

Dennoch: Ich versuche es zu sagen, weil ich als Schreibender auch ein Bürger bin, der sich manchmal zu Wort meldet. Der viel erfahren hat, aus Erzählungen der Mutter und der Großeltern, als einer, der durch den Krieg von damals vaterlos wurde in einer vaterlosen Gesellschaft, in der sich die Kinder gegen die Eltern irgendwann auflehnten. Und weil ich zu jenen gehöre, die das Sprachlose überwinden mussten, als sie von den Tatsachen erfuhren. So will ich es denn versuchen. –

Tage des Gedenkens sind Tage des Nachdenkens und manchmal auch Tage des Zorns. Dies irae klingt es aus dem Requiem von Mozart mit grandioser Wucht und auch der Erkenntnis des Entsetzens durch Erleben und Ahnungen der Zukunft.

Tage des Gedenkens sind Zukunft. Ohne das Nie wieder, ohne das klare Bekenntnis zu dem, was passierte, in den Nächten des Grauens während der Zeit des Nationalsozialismus, in denen gegen Juden, Roma, so genannte behinderte Menschen und Andersdenkende, Menschen aus anderen Kulturen und Religionen, marschiert wurde, um Gewalt und Tod zu bringen, ist in der Gegenwart keine Zukunft zu denken.

Das Niemals vergessen und das Nie wieder bleiben aber Worthülsen, wenn nicht offen gegen die neue und akute Tendenz der Ausgrenzung und der Hetze vorgegangen wird.

Die Opfer der Pogromnacht mahnen in der Gegenwart und für die Zukunft, dem ganz normalen Alltagsfaschismus Widerstand entgegen zu setzen. Ein alltäglich gewordener Wahnwitz anno 2012, der sich ständig offenbart, immer wieder, immer gegen das Andere gerichtet, gegen Menschen, die zuwandern, die Hilfe und Asyl suchen oder jene, die zunehmend in Armut und Not geraten. Dazu kommt der nie zu Ende gegangene Antisemitismus – nicht nur in Österreich, sondern in der ganzen Welt.

Der Horror der Zukunft lauert in diesem Antisemitismus, der in allen Religionen, ja auch in vielen politischen Parteien steckt. Aus welchen Gründen auch immer – die gängigen Begründungen, diese einfachen Primitiv-Thesen, sind bekannt.

Und in einer Zeit, in der unverhohlen ein neuer Austrofaschismus droht, der jede Form von Sozialismus und damit des Zusammenlebens in einem solidarischen gesellschaftlichen Gemeinschafts-Gefüge offen ablehnt, ist dieser fruchtbare Schoß, aus dem das kroch, wie es Bertolt Brecht formulierte, immer da.

Angesichts eines offenen oder auch latenten Antisemitismus der Gegenwart drohen wieder die neuen Pogromnächte und eine neue industrialisierte Massenvernichtung von Andersdenkenden.

Die Parteien der Mitte sind in Wahrheit längst nach rechts abgedriftet – im Inneren wie auch im Äußeren. Nur eine geeinte Linke kann hier, wenn sie sich auf ihre Wurzeln besinnt, helfen: Wacht auf, Verdammte dieser Erde. Auf dass die neuen Verdammten nicht wieder zum Opfer der Verdammnis durch die Horden der selbsternennten Wächter des Volkes, der Denunzianten und Verleumder, der Neider und Hasser werden.

Solidarität muss international sein. In einer Welt der neuen Medien ist dies mehr denn je eine conditio sine qua non für eine gemeinsame Welt für alle – in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit/Schwesterlichkeit.

Dazu kommt die historische Tatsache, dass Adolf Hitler vor seiner endgültigen Machtergreifung, die ja nur durch die Hilfe des Großkapitals und der Großunternehmen überhaupt möglich war, offen von der Ausmerzung der Systemparteien sprach. Er forderte damals die Abschaffung der Parteien und die Alleinmacht für den Nationalsozialismus.

In der Gegenwart hört man in einem zunehmenden Maß genau diese Tendenz aus den Reden heraus, die ein Herr Strache und seine Trabanten führen.  Die Wiederholungen dessen folgen im Stammtisch-Gegröle seiner Anhänger.

Wer die Parteien abschaffen will, der ist für Diktatur. Hier muss gesagt werden, dass jener Weltraum-Abspringer, der eine gemäßigte Diktatur vorschlug, genau dieser Tendenz Ausdruck verlieh. Aber: Es gibt keine gemäßigte Diktatur.

Was die Allmacht von Menschen, die zu ihrer Zeit wie Götzen angebetet wurden, verursachte, daran denken wir immer – und nicht nur – am 9. November. Das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung hat dort seine Grenzen, wo das Unmenschen-Unrecht beginnt – im Faschismus, der in die Vernichtung von Andersdenkenden führt. Soviel zur gemäßigten Diktatur – ein Spruch, der mich immer daran erinnert, wie oft ich in meinem Leben schon den Satz gehört habe, dass „ein kleiner Hitler notwendig“ sei, um die Politik zu verändern.

Kopfschütteln über neonazistische Sprüche, manchmal, aber leider immer öfter, in Öffentlichen Verkehrsmitteln oder Gaststuben zu hören, ist fehl am Platz. Das Ducken vor den Duckmäusern, die Ausländer raus und Sieg Heil grölen, fördert die Blockwarte-Mentalität vieler mit Komplexen behafteteter Typen, die eine Partei wählen, in der sich bei deren Gründung damals, in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts die alten Nazis sammelten und nun, bei deren Neugründung vor wenigen Jahren, die neuen Nazis grausig auferstehen – mit dem erwähnten Wollen, dass man den Systemparteien den Kampf ansagen müsse. Hitlers ungeistige Enkel sind wieder antisemitisch, national, deutschdümmelnd und anti-sozialistisch und haben Rot und Grün als Farben-Feindbild. Der Pluralismus des Denkens ist ihnen fremd und der Monismus des Eindimensionalen ersetzt die vielen Möglichkeiten, demokratisch und sozial, in einem partnerschaftlichen Bündnis der Generationen zu denken, zu handeln und zu fühlen.

Wir tanzen am Abgrund, leben auf hauchdünnem Eis, – statt Antworten zu suchen und Fragen zu erhalten – die Gegenwarts-Gesellschaft baut immer wieder neue Konzentrationslager, wenn diese Parteien an die Macht kommen. Denn die Schalmeien der politischen Verführungsreden dröhnen wieder in Märschen, Hetzfloskeln, Ausgrenzungen und werden zu Dissonanzen des Unmenschlichen. Und im Hintergrund lodern die noch immer – von fünf Prozent der Bevölkerung – verleugneten Öfen in den Vernichtungslagern. Hinter jeder Brandrede eines rechten Hetzers, hinter jeder Brandschrift im Internet auf den unsäglichen Heimat-Seiten der Rechten, in denen sich die neue Feigheit in so genannten Nicks versteckt, steht ein Ofen, in dem Menschen verbrennen.

All jenen, die nach den neuen Trabanten des Kapitals schielen, die plötzlich in die Politik drängen, wie das Beispiel Stronach und anderer neuer Selbstdarsteller zeigt, müsste man Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ vorspielen, in dem es am Schluss heißt: „Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Gad Hugo Sella, Israeli, der aus Innsbruck stammte, wo er Hugo Silberstein hieß, hat mir damals, 1988, zum 50. Gedenkjahr, als die Stadt Innsbruck viele der Heimatvertriebenen einlud, als Geste der Versöhnung folgendes gesagt: „Weißt du, verzeihen kann man vieles, aber vergessen kann man Urängste nicht, vor allem dann nicht, wenn Nachbarn plötzlich zu hassenden Feinden werden. Dann hat man Angst. Die kann man überwinden, aber vergessen kann man diese Angst nie.“

Ich gestehe, dass ich in zunehmendem Maße Angst habe.

Shalom.

Innsbruck, 9.11.2012

Winfried Werner Linde

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Kommentare

1. cupschimpl - 10. November 2012

Hallo Winfried, ich kann nicht „very well english“ fast gar nicht mehr. Bei der Anmeldung tat ich mir ziemlich hart. Könntest Du dies auch „deutschsprachig“ aufführen?
Und hier mein Kommentar, den kennst du zwar schon – macht nix –

Es ist nicht nur ein „deutscher“ Wahnsinn gewesen. Der Wahnsinn war und besteht in ähnlicher Form immer noch – auf der ganzen Welt !!! Das ist sehr, sehr traurig.

2. wwlinde - 12. November 2012

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