jump to navigation

Erzähl’s nit, schreib’s! Herwig Schmidl zum Gedenken. 7. November 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
Tags: , , ,
trackback

Erzähls nit, schreib‘s – Herwig Schmidl. Erinnerung. Unzulänglich.

Herwig Schmidl ist tot. Er war zwei Jahrzehnte lang mein Chef im Tirol-KURIER und die Zeit war eine der Freundschaft. Der Diskussion und der Veränderung, der Betroffenheit über das Geschehen, von dem wir, in der Zeitung, immer heute schrieben, dass es gestern passierte. Was auch eine gewisse Entfremdung mit der Zeit als solchen mit sich bringt. Aber: Zeit ist Vorbereitung. Auch so ein Satz des Nachsinnens von Herwig. Das Sterben ist immer unfassbar, auch wenn man sich schon lange darauf vorbereitet hat.

Der Herwig war immer vorbereitet. Auch damals, als er im Libanon auf Dienstreise war und um ihn herum die Granaten einschlugen. Da geht einem der Film des Lebens, wie man sagt, durch den Kopf, sagte er mir.  Das, was einem was bedeutet, Frau und Kinder. Er schilderte (und erlebte) Szenen wie aus Actionfilmen, dort, im Libanon. Oder auch solche, die zu Herzen gehen, als er über die SOS-Kinderdorf-Aktion des KURIER in Vietnam berichtete und die Häuser für die Kriegswaisen, die plötzlich Heimat hatten.

Und dennoch: Bei Herwig blieb immer das Geheimnis der Nähe. Wie bei allen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Das Preisgeben von persönlichen Dingen wird schwierig, wenn man bemerkt, dass man zuweilen mit zuviel privater Preisgabe einen viel zu hohen Preis zahlt. Dann wird man Fragender und nicht Antwortender, dann lässt man erzählen und schildert selbst fast nichts. Wenn jemand in der Redaktion von einer Geschichte erzählte, wie es im Fachjargon heißt, dann sagte er meistens: Erzähls nicht, schreib’s. –

Ja, das Private, ja, bei der Geburt seines letzten Kindes, eines Sohnes, war er dabei. Er war nicht einer, der sich als kantiger Tiroler, noch dazu in Landeck geboren, mit neuen Gegebenheiten abfand. Aber der Herwig erkannte, nachdem er alle seine inneren Widerstände überwunden hatte: Ich habe ein ganz anderes Verhältnis zu dem Kind als zu den anderen.

Der Familie gilt natürlich die tiefe Anteilnahme. Freunde trauern mit. Ein paar Wegbegleiter, es sind nicht mehr viele, mit denen er – außer bei zufälligen Treffen – nach seinem Ruhestand in Verbindung war. Er las Bücher, einige auch immer wieder, wie Manes Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“, beschäftigte sich mit den „alten Griechen“ und deren „viel besseren Demokratie als der unseren“ (womit er die Direktbeteiligung des Volkes an allen Entscheidungen meinte), denn: „Damals konnte das Volk alle zum Teufel jagen, die sich nicht an den Interessen des Volkes orientierten.“ Ach ja: Manchmal las er auch Karl May. Einfach so, um wegzukommen von allem Nachdenken. Entspannung pur.

Er war ein Europäer. Ein grenzenlos denkender zoon politicon, wie Platon es nannte. Nur in einem war er stur: Es gab für ihn keine Brennergrenze, lange vor Schengen. Denn er war ein Gesamttiroler, der echt ausrasten konnte, wenn jemand schrieb, dass die Südtirol-Aktivisten Terroristen seien. Über seinen Computer im Ruhezustand lief ein Spruch: Südtirol bleibt österreichisch. Manchmal verhockte er sich bei seinem Dienstbier (Zitat Herwig: der tschechische Außenminister heißt so, wie ich mir es für meine Arbeit wünsche, eben Dienstbier) oder mehreren in einem Lokal bei den Viaduktbögen, wo er mit Südtirolern sprach, die nicht mehr in die Heimat zurück konnten. Manchmal.

Aber sonst war Herwig ein Weltbürger, einer mit ganz wachen Sinnen, der sich am Weltgeist und Weltgeschehen orientierte. Heimatbewusstsein ist keine Schwäche, wenn die Heimat die Welt ist, in der man lebt und wo man Geborgenheit und Liebe findet.

Fußstapfen . . .

Als Herwig Schmidl, nach Jahren im Journalismus (er war auch in Schweden, einem Land, das er sehr mochte), zum KURIER kam und dort Ressortleiter für die Innenpolitik war, machte er immer wieder Schlagzeilen. So, dass der KURIER in Riesenplakaten mit ihm Werbung machte: „Wo erfährt Bruno Kreisky, was Sache in der Innenpolitik ist? Bei Herwig Schmidl im KURIER“. Das machte ihn nicht eitel, im Gegenteil. Er wusste, was er sich damit für eine Verantwortung aufbürdete. Die „Vierte Macht im Staate“, die Medien, arbeiteten damals anders als heute, – doch das auszuführen, würde nicht dem Herwig entsprechen. Der würde über das Heute nur wenig sagen – und einfach schweigen. Nicht weil er nichts zu sagen hätte, sondern weil er mit dieser Welt der Medien nichts mehr gemein hätte – das Niveau ist gemeint, nur das. Obwohl seine Kritik immer auch Heinrich Böll galt, der mit seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ die zweifellos wahre Geschichte ins Surreale verzerrt habe. Die Wirklichkeit der Betroffenheit schaue eben anders aus. Ganz anders.

Legendär eine weitere Station: Die Reportagen Herwig Schmidls von der Besetzung der Hainburger Au. Mit diesen verhinderte er den Sturm auf die DemonstrantInnen. „Damals hat sich die Republik verändert“, sagte er immer. Und meinte damit: „Dass Gewerkschafter gegen Demonstranten vorgehen, das entspricht nicht meiner Auffassung von Solidarität“. Damals, 1984, schlug die Stunde der Grünen um Günther Nenning und Freda Meissner-Blau. Für Herwig war, damals, klar: Die Sozialdemokratie ist keine solche mehr. Es fehlen die Exponenten der Arbeiterbewegung und der Nadelstreif-Sozialismus verrät deren Interessen.“ Wie gesagt: Er erlebte ja die Ära Kreisky, Zwentendorf-Abstimmung und den langsamen Niedergang nach dem Ende der Ära Bruno Kreiskys.

Andreas Khol, damals im Nationalrat: „Zudem haben wir immer geschaut, was der Schmidl mit der Südtirol-Frage vorgibt. Nach dem haben wir uns verhalten.“ Auch das ist Einfluss – nur halt anders als in der Gegenwart. Wenn der Herwig von etwas überzeugt war, dann konnte man ihn nicht von seinem Standpunkt abbringen. Da fuhr die Brennerbahn mit der Arlbergbahn drüber…

Von seinen Auszeichnungen sprach er nie, obwohl er mehrfach Preise für seine journalistische Arbeit erhielt. Fußstapfen eben, die er hinterlassen hat. Auf Öffentlichkeit hielt er für sich, außerhalb seiner Arbeit, nur wenig. Er trat nicht auf, um im Scheinwerferlicht zu sein, er war da, um zu berichten oder zu kommentieren.

Der Tirol-KURIER

1985 fragte ihn Chefredakteur Gert Leitgeb, ob er als Tiroler nicht eine eigenständige Tirol-KURIER-Ausgabe leiten möchte. Herwig sagte zu und übersiedelte wieder nach Tirol.

Das Team, das er sich holte, und zu dem auch ich, ab 1986, gehören durfte, war ein bunter Haufen, das ein Stück Zeitungsgeschichte des Landes schrieb. Damals gabs noch keine Computer-Technik, die kam so nach und nach. Und damals gab es noch Korrektoren, ohne die eine Zeitung nicht gemacht werden konnte. Diese Fachmänner wussten alles. Sie waren lebende Lexika. Das nur nebenbei.

Er war über Jahrzehnte mein Chef. Und Freund. Gemeinsam machten wir die europaweit einzige Solidaritäts-Veranstaltung für die Charta 77, damals 1987, als sich niemand sonst drum scherte, was da in der damaligen CSSR vor sich ging. Das Thema unserer Veranstaltung: Freiheit.

Unter dem Nachfolger Gert Leitgebs, dessen Namen ich nicht nenne, aber dessen genagelte Absätze mir als einziges – zu seiner unerträglichen Eitelkeit –  in Erinnerung sind, weil sie klapperten, wenn er durch den Raum stapfte, fiel Herwig kurzzeitig in Ungnade und musste sich – zu seiner Freude – um die Südtirol-Berichterstattung kümmern. Was er auch mit Inbrunst tat.

Als Peter Rabl Chefredakteur wurde, übernahm er wieder die Leitung des Tirol-KURIER, bis zu seiner Pensionierung. Und schrieb seinen „Blickpunkt Tirol“ – und spielte Schach, mit dem Computer, den er manchmal prügelte, wie er sagte.

Erinnerungen würden Bände füllen. Doch, im Sinne der nie geschriebenen Bücher des Herwig Schmidl (O-Zitat von ihm), sie würden einen Zeitgeschichte-Band füllen. Soll sich die Nachwelt, falls sie sich interessiert, mit den Zeitungsbänden beschäftigen.

Was sagt man zum Abschied?

Dem Musikkenner, dem einzigartigen: Erfreue dich mit den Größen an deren Klängen.

Dem Denker: Wenn es ein Jenseits gibt, dann begegnen dir sicher Platon, Marx und Heidegger und die vielen Logiker, dann widersprich ihnen wie Wittgenstein.

Dem Schreiber: Es gibt nur eine Geschichte, die, die man selbst für sich und seine Menschen, die man liebte, schrieb.

Dem Freund: Pfiat di. Auf bald.

R.I.P. Herwig. Ich danke, dass es dich in meinem Leben gab.

Winfried Werner Linde, WWL genannt.

Advertisements

Kommentare

1. Hartlieb Wild, Nachbar - 8. November 2012

Exzellenter Nachruf – danke!
H.W.

2. recka Hammann - 9. November 2012

Wunderschöner Nachruf für einen einzigartigen Menschen, eine schillernde Persönlichkeit mit großem Herzen! Danke Winie


Sorry comments are closed for this entry

%d Bloggern gefällt das: