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Theater Innstanz, Innsbruck: Eine ganz besondere Premiere 8. Oktober 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Zeit des Nachdenkens über die Vergänglichkeit. Eine besondere Premiere im Theater „Innstanz“ in Innsbruck.

Die Musik groovt zwischen hochmittelalterlichen lateinischen Gesängen zur ars moriendi und östlichen Klängen (Lens N.) – dazu tanzt ein ganz besonderes Ensemble einen Reigen des Todes für einen Lebenden.

Eine Mahnung zum Erkennen hat da Choreograph Ewald Gotthardt für sich als Tänzer und sein Team geschaffen, mit Bildern des Tödlichen im menschlichen Körper wie neurologischen Spannungen und fließendem Blut. Und über allem legt Gregor Ingenhaeff-Berenkamp als Gestalter des Technischen noch die Gegenwart: Der Tod der Gesellschaft fließt aus dem Kreislauf des Geldes, dem Kapitalismus eigenen Geldstrom und die Erde droht von außen dunkel zu werden und in sich zu kollabieren.

Doch über allem steht das Prinzip des menschlichen Sterbens, der absoluten Vergänglichkeit.

Ewald Gotthardt arbeitet mit Mythischem aus der germanischen Welt der Nornen (Rebecca Brandstätter als Skuld, Bettina Hörmann als Verdandi, tanzten bei der Premiere, als Dritte wird Elisabeth Pölt als Urd zu sehen sein), ebenso wie mit dem Mystischen aus den Religionen. Er selbst, als „lebender Toter“ heißt als Bühnengestalt Ismail, wie der Sohn Abrahams und der Begründer der arabischen, auch religiösen Kultur des Islam.

Die Ärztin (getanzt bei der Premiere von Sabine Schneider, in anderen Aufführungen wird dann auch Stephanie Undeutsch zu sehen sein) nennt er Flammarius, wohl in Anlehnung an Flammerion und das damit verbundene Astronomische und das Wandern am Weltenrand – eine Metapher für die ärztliche Kunst als solche, die ja auch in diesen Grenzbereichen auflebt. Das Gesetz des Mondes bei der Heilung stellt die Krankenschwester, die Luna genannt wird. Konstanze Schöpf und Eleonora Pancheri tanzen sie alternierend.

In all dieser szenisch aufrüttelnden Todessehnsucht lebt auch das Suizid und so entsteht diesfalls ein Bild wie vom Gekreuzigten – eine Metapher über Krankheit und Tod, über das Leid, das in der Kreuzesnachfolge liegt, aber auch letztlich Erlösung bedeuten kann.

Ewald Gotthardt ist als Tänzer ständig präsent, mit intensiver Darstellungskraft und mimischem Ausdruck – das Publikum ist hautnah mitten in den Bildern und entkommt der Dichte und der der Aufführung inne wohnenden Wahrheit nicht.

Insgesamt: Emotionen, Radikalität, Einsamkeit, die allerletzte Freundschaft (Roland Gartner als letzter Freund), die Hoffnung, die Medizin und der stets gegenwärtige Tod in Person des Virus, von Eva Rinner bravourös in Tanz und Ausdruck interpretiert.

Ewald Gotthardt möchte, so steht es im Programmfolder, eine menschliche Behandlung und ein freieres Denken über Krankheit in unserer von Schönheits- und Fitness-Wahn geprägten Zivilisation als Ziel der Produktion ins Bewusstsein rufen.

Das ist mit dieser Aufführung des „Totentanz – Requiem für einen Lebenden“ ihm und der Companie nachdrücklich und in seiner Radikalität des Künstlerischen überzeugenden und gemeinschaftlichen Weise  gelungen.

Winfried Werner Linde

PS: Das Team des Theaters hat in idealistischer Arbeit den Bühnenraum, vor allem den Boden und vieles andere neu geschaffen. Man kann sich in Quadratmetern als Sponsor und Förderer darin verewigen.

PPS: Information: Theater Innstanz, Richard Berger-Straße 5 (1. Stock), Innsbruck, Telefon +43/664 7300 9085, www.innstanz.at

Weitere Aufführungen: 13. Und 20. Oktober, 3. Und 10.November 2012, Beginn jeweils um 19.30 Uhr.

Trailer mit der Musik von Bellini (Casta Diva aus Norma)

http://youtu.be/SM0kRQ2FlPI

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Kommentare

1. Klement Gartner - 8. Oktober 2012

Dieser Bericht hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ein phantastisches Stück


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