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Da, wo noch Stille des Lebens ist 16. Juli 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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aus dem Zyklus: Heimatgefühl – Betrachtungen zu Tirol

Da, wo noch Stille des Lebens ist.

Das Schmirntal, ein Seitental des Wipptales, das von Innsbruck nach der Brennergrenze führt,  ist wie ein letztes Tal der Idylle. Da tost der Bach, bringt Geröll und Steine  mit, wenn es gewittert. Da klappert noch eine Mühle und da schmiegen sich die Holzhäuser in Kasern an den Hang.

Im Winter waten sich von dort die Menschen auf die Straßen, die Wege. Ducken sich unter der Drohung der Natur  – aber dabei spielt die Jahreszeit keine Rolle.

Wenn man mit einigen der Menschen spricht, dann bekommt man als einfache Art ein Nicken und ein „Jo, s’isch hort, obr es muass sein.“ Und: „Es isch mei Hoamat. Do tat i nia weggiahn, vasteasch?“

Vor 100 Jahren noch gehörte das heute reiche Tux, drüben, über dem Berg, hinter dem  (Tuxer-) Joch, zu Schmirn.  Von da aus wurden die Tuxer ja besiedelt. Was die Tuxer wagten (ja, irgendwann war die Erschließung von Gletschern noch ein Wagnis und wurde dann erst mit dem Aussterben der Idealisten, der Pioniere, zur materialisierten  Naturvernichtung), wollten die Schmirner nach der Trennung nicht. Sie lieben das Leise.

Ihre Wellnessanlage ist jene  im Naturbach, ihre Sauna ist das Heueinbringen, das natürliche Schwitzen,  und ihr Reichtum ist die Stille und Beschaulichkeit.

Viele pendeln aus, von den Schmirnern, kehren am Morgen dem Tal den Rücken und am Abend finden sie dort Heimat wieder.

Langeweile gibt es nicht.

Das tägliche Fernsehen bringt die Blüte im eigenen Garten, das Verhalten der Tiere im Stall, das Gackern der Hühner und die Hörspiele sendet die Fauna aus dem Zirkus der Vögel.

Manchmal sieht man Adler und Habichte, öfter Geier  – und diese stoßen zu, im Tiefflug, gegen Mäuse, gegen kleine Tiere. Natur pur und Auslese der Schöpfung.

Natürlich hat diese Sicht auf Heimat auch eine Kehrseite. Nur: Es weiß sie keiner zu formulieren. Ja, ein Supermarkt, ein Geschäft, ein Laden, in dem alles billig ist, vielleicht.

Aber der Supermarkt der Natur bietet alles, die Eigenproduktion ist vom Feinsten und das Korn ist voll und reif und das Grauvieh auch, vor allem der Ochs von der Alm mit seinem Fleisch.

Manchmal sieht man Bauern wie den alten Grutz in Karl Schönherrs „Komödie des Lebens“ mit dem Titel „Erde“ über die Fluren schreiten. Mit weit ausholenden Schritten. Jeder Schritt ein Besitz ergreifen von der Natur, jeder Atemzug das Riechen von dampfender Erde.

Manchmal ist auch Mist dabei. Ja. Auch das.

Und drüben im Tuxertal, dem alten Schmirn, in dem man bei der Erforschung der Menschen und deren Aussehen (durch die pathologischen Studien der Innsbrucker Mediziner) auch den Einschlag von Sarazenen fand (o ja, Türken aus den alten Zeiten im hintersten Tiroler Tal, das gibt’s und ist wissenschaftlich erwiesen!), also drüben im Tuxertal, da  pulst das Leben.

Holladero, am Gletscher. Früher war der Olperer eine ernste Ostalpen-Ersteigung wert, heute wagen sich Dutzende von der Bergstation der Lifte auf den Gipfel. Wenn früher, in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, die Bergführer die Haken aus den Felsen entfernten, musste man schon sehr geübt sein, um über die Platten zu kommen.

Früher, ja.

Das Holladero gab’s manchmal im Spannagelhaus, das von Schmirn aus erreichbar ist, aber nur bis 22 Uhr. Um zwei Uhr morgens musste man ja aufbrechen, zum Olperer-Gipfel oder zum Fußstein.  „Höher Kameraden“, so lautet der Refrain eines (fast vergessenen) Liedes. –

Für die Schmirner von heutzutage  keine Frage: Bergtouren sind gut, Bauernarbeit ist besser.

Für die Tuxer, wie gesagt, drüben auf der anderen Wohlstandsseite, sind die Lifte unabdingbar. Die Globalisierung der Bergwelt schreitet fort. Immer weiter.

Nur manchmal, wie in Schmirn, erinnert man sich noch an den Mythos Berg und an die Hütten(zauber).  Und wenn dann einer erzählt, dann bekommt so ein Riesenhotel im hinteren Tal eine ganz andere Dimension, – jene  des Erdrückens.

Und man versteht die Schmirner, warum sie lieber  zur Arbeit pendeln als zum älperischen Wellnesshotel Nummer 500 und dem tirolerischen Skilift Nummer 1000   wanken.

Und warum es in Schmirn noch sowas wie den aufrechten Gang gibt, ohne Liebedienerei um jeden Cent Nebenausgaben der Pauschalgäste . . .

Winfried Werner Linde

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