jump to navigation

Das Unbehagen im Herrgottswinkel Europas 26. Juni 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
trackback

Tirol ist ein Transitland ebenso wie ein Urlaubsland. Ein Land, das Heimat ist und Gastfreundschaft bis in die höchsten Gipfel der hintersten Talwinkel bietet.

Nichts Neues also in der Europaregion?

Nun denn: Die Sozialdemokraten waren im Herrgottswinkel Europas immer der Albtraum für die Konservativen, die sich damals, als die Sozialdemokratie noch eine solche war, aus Klerikalen und Konservativen zusammensetzten und dem seit Jahrhunderten unterdrückten Pofl (kommt von Pöbel und wiederum von peuple, frz.) entgegentraten – mit allen Mitteln. Die revolutionären Gedanken und Konzepte des aus Kreisen der Mächtigen zum Volk übergelaufenen Bauernführers Michael Gaismair wurden über Jahrhunderte tot geschwiegen, ja denunziert, und selbst der mit dem Heiligenschein der Konservativen ausgerüstete Andreas Hofer wurde erst wieder entdeckt, als die Traditionalisten fürchteten, im Sog der neuen revolutionären und geistigen Erneuerungsbewegungen nach 1848 unterzugehen.

So weit, so Vergangenheit.

Von der Trennung des Landes nach 1919, von Austrofaschismus und dem Nationalsozialismus ganz zu schweigen. Hier müsste man sich als aufrechter Schwarzer in Tirol durchducken, um in der Gegenwart zu landen und dort allerorten wieder die Spuren von damals zu finden. Die Konservativen in Tirol tragen nämlich nicht das Feuer des Denkens weiter sondern hüten die Asche, ohne sich diese auf das Haupt zu streuen, wie dies am Aschermittwoch der Katholiken üblich ist und die ganze Zeit einer Erkenntnis über üblich sein sollte.

So weit, so Rückblick.

Gegenwart ist in Tirol – politisch gesehen – folgendes: Bis in die hintersten Täler ist das Land durch die Diskussion um die Agrargemeinschaften und deren aus Gemeindegut (woher denn sonst?) entstandenes Eigentum bzw. den Besitz von Grund und Boden und Landschaft und Bergbahnen und Schotterabbaugebieten und Seilbahntrassen und Skiabfahrten und überhaupt allem im Land zerrissen. In den Dörfern kandidieren für die Gemeinderatssitze viele konservative Listen, nicht nur aus demokratischen Erwägungen heraus, sondern weil viele Dorfgemeinschaften zerstritten sind.

Die Volkspartei ist zwar noch die allmächtige Partei im Land, aber in sich nicht nur bündisch zerrissen und von Machtspielen eben der Bünde-Mächtigen zerfleddert sondern auch von hinterwäldlerisch anmutenden Intrigen und anonymen Postern in den neuen Blogs und sozialen Medien sowie in den Zeitungen von Feigheit durchsetzt: Man will es sich ja mit denen da im Innsbrucker Landhaus nicht verderben und gleichzeitig auch nicht alles gefallen lassen.

Trotz ständigem Bashing von Landeshauptmann Günther Platter liegt die Volkspartei noch immer bei Meinungsumfragen über 40 Prozent.

Die Sozialdemokraten, die sich nach dem 2. Weltkrieg immer an der Regierung beteiligten, sind von der einmal angepeilten 30-Prozent-Marke weit entfernt und dümpeln derzeit bei rund 15 bis 18 Prozent in Meinungsumfragen. Der seit zehn Jahren im Amt befindliche Parteivorsitzende Hannes Gschwentner trat am vergangenen Montag zurück. Der Sozial-Landesrat und ehemalige Imster Bürgermeister Gerhard Reheis folgt ihm interimistisch nach.

Die Sozialdemokraten sind nicht nur im Landtag sondern auch im Innsbrucker Gemeinderat ein Mehrheitsbeschaffer für ein schwarzgelb-grünes Bündnis, das durch die SP als Innsbrucker Ampel-Koalition bezeichnet wird – eine Bezeichnung, die irgendwann erfunden wurde und nur deshalb interessant ist, weil die (als gelb bezeichnete) Bürgermeister-Fraktion Für Innsbruck eine Spaltung der ÖVP ist und die Stamm-ÖVP nunmehr in der Opposition verweilen muss.

Im Tiroler Landtag verweilen auch noch die zum Teil aus VP-Dissidenten um den Ex-AK-Präsidenten Fritz Dinkhauser bestehenden Mandatare des Bürgerforums, die ihrerseits wieder gespalten sind, weil sich von diesem Fritz Gurgiser, der Chef des Transitforums und als „Vomper Eisenschädel“ bekannt, und der ehemalige (SP-)Bürgermeister von Ehrwald, Thomas Schnitzer, mit dem neuen Bürgerklub Tirol trennten.

Die Freiheitlichen erreichten in Innsbruck bei den Gemeinderatswahlen außer einem Skandal um ein hetzerisches Wahlplakat kaum Beachtung und Zuwächse, sind ebenfalls intern zerstritten und zerrissen, von Parteiausschlüssen zerrieben und leben von der Präsenz des Parteiführers Strache. Mehr nicht.

Auch im Falle der FP spaltete sich ein Mandatar ab. Damit wurden die seit Jahrzehnten gelebte Zerrissenheit und Machtkampf-Athmosphäre weiter fortgesetzt. Zumal sich eine weitere als freiheitlich apostrophierte Gruppe ehemaliger FP-Mitglieder ebenfalls abgesondert hat.

Die Tiroler Grünen ihrerseits präsentierten mit Ingrid Felipe die neue Spitzenkanditatin für die Wahlen 2013 und sind derzeit mit der Suche nach der Zukunft einiger Funktionäre beschäftigt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Sollten die Piraten in Tirol kandidieren, so bieten auch sie derzeit, nach dem Einzug in den Innsbrucker Gemeinderat, ein Bild der Zerrissenheit und Alexander Ofer, Gemeinderat in Innsbruck, gehört schon offiziell oder halboffiziell nicht mehr zur Parteiführung, derweil sein Gemeinderats-Stellvertreter sich mit diversen Anleger-Geldgeschäften zu profilieren sucht. Was auch nicht gerade der reinen Piraten-Ideologie entspricht – soferne man über die Grenzen schaut.

Fazit: Die Chance für eine einige SP in Tirol war selten so groß wie jetzt.  Eine Reform der SP und eine Neupositionierung jenseits des Mehrheitsbeschaffer-Modus in Stadt und Land und eine klare Standpunkte- und Programm-Erklärung wäre dazu notwendig. Ebenso wie die längst überfällige Entfernung aus Knebel-Koalitionen in Stadt und Land.

Das wird allerdings für Gerhard Reheis sehr schwierig sein, denn innerparteilich muss er einige Hürden nehmen. Die schwierigste Aufgabe dürfte wohl sein, die ansonsten öffentlich schweigsamen, doch in der Partei immer lauthals agierenden Damen zu beruhigen. Gender-Machtspiele sind das eine, Programme für eine Partnerschaft aller Tirolerinnen und Tiroler das andere.

Die Zukunft Tirols hängt nicht von einer Quote ab, sondern von dem, was für alle Generationen jeden Geschlechtes zu realisieren sein wird – mit den Menschen gemeinsam, über Parteikader-Denken hinweg.

Die Themen liegen auf der Straße. Man braucht nur auf das Volk zu hören und nicht nur auf Schlagzeilen zu schielen. Denn letztere sind Verdünnungen des Geistigen, benötigt aber werden Verdichtungen des Gemeinsamen und nicht des Trennenden. Soziale Gerechtigkeit, der Kampf gegen die massive Teuerung und Lohn-Ungleichheiten sind nur kurze Schlagworte. Tirol ist nämlich eine teure Heimat, für alle.

Solange das erwähnte Gemeinsame und Soziale nicht Alltag ist, wird es das Unbehagen im Herrgottswinkel geben. In diesem Winkel allerdings versammeln sich die Familien in Tirol, um miteinander Zeit zu verbringen und einen Dialog zu führen. . . .

Auch das ist Politik, aus der man Lehren ziehen könnte.

Winfried Werner Linde

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: