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Ein Freund ging heim – ein Nachdenken statt eines Nachrufs 5. Juni 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Ein alter Freund, Gefährte von Jugendtagen und Berggefährte wie auch Volksschauspielpartner ist gestorben: Karl Heinz Jeszenak. Fern der Heimat, wie man sagt, in seinem Winter-Urlaubsort in der Türkei, wo er die kalten Monate verbrachte, mit dem Blick in die Unendlichkeit des Meeres, das nirgends zu enden scheint, starb er. Jetzt, nach drei Monaten, erfuhren wir von seinem Tod. Seine sterblichen Reste wurden, weil man angeblich in der Türkei nicht wusste, wer er war, trotz Pass und anderen Dingen, die man halt so als Fremdling braucht, erst kürzlich dem Außenministerium gesandt und anschließend wurde er in Wien eingeäschert, wie man sagt.

Wir werden uns alle noch einmal treffen – leider an deinem Grab.

Angesichts so einer Geschichte fragt man sich, wie es möglich war, dass  ein Mensch unerkannt in einem Nato-Land und in der EU sterben konnte, in der alle Menschen nur mehr Nummern und die Pässe international registriert sind.

Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist jene der Einsamkeit eines Menschen, der im vergangenen Oktober noch zu uns sagte, dass er sich auf seine Wintermonate in der Wärme freue. Das war alles, was zuletzt gesagt wurde. Schönen Urlaub und komm gesund wieder. Auf bald, alter Kumpel.

Nun denn – eine Alltagsgeschichte über den Tod eines Menschen.-

Wer war Karl Heinz Jeszenak?

Wir standen – in der schlanken Zeit der Jugend – gemeinsam auf einigen Dreitausendern Tirols und blickten in die Tiefe. Das Seil war mehr als nur eine Verbindung, die gemeinsame Nachkriegsjugend ohne Vater verband uns als Wölfe, wie man unsere Generation nannte, die auf den Trümmern der Nachkriegszeit spielte.

Irgendwann in den frühen Sechzigern des letzten Jahrhunderts, kam er zu uns in den Vereinskeller und sagte: „Ich spiele bei den Passionsspielen in Mariahilf den Judas. Uns ist ein Jünger ausgefallen (– die näheren Details möchte ich hier nicht schildern – , Anm.) also, wenn einer möchte, dann kann er mitspielen. In drei Tagen ist Premiere.“

Ich meldete mich und meinem Regisseur von damals, Roman Perlornigg, der ein Urgestein der Pradler Ritterspiele war, verdanke ich, dass das Werk gelang. Und meine Liebe zum echten und wahren literarischen Volkstheater, von Schönherr bis Brecht, begann.

Heinz blieb dem Volkstheater treu und wir spielten einige Stücke, darunter die „Todsünden“ von Franz Kranewitter.

Dann kam die wilde Zeit der Ausritte: Heinz fuhr mit meinem Bruder Uwe Eisrennen, Skikjörings, mit hoch frisierten Autos, die damals (heute wäre das unmöglich) auch im normalen Verkehr benutzt wurden. Es waren die Bleifußzeiten – nach den Eisflankenzeiten wurde auf die Eisbahn gewechselt.

Karl Heinz Jeszenak übersiedelte dann beruflich und privat nach Landeck und wurde Mitglied der Zammer Bühne, wo er auch inszenierte und als Bezirks-Obmann des Landesverbandes der Tiroler Volksbühnen gewählt wurde.

Privat, in den Beziehungen, mag er nicht vom Glück gesegnet gewesen sein. Er litt, wie dies halt künstlerisch begabte Menschen tun, mit all ihren Gefühlen und Leidenschaften.

In Innsbruck, wohin er zurückkehrte, probten wir wieder miteinander, Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts, schon gereifte Männer, die „Zoogeschichte“ von Albee.

Von den Ausflügen und Versuchen im Film muss ich noch sprechen und von der Flucht in die Krankheit, die damals noch nicht Burnout hieß. Aber irgendwie trafen wir uns ständig und wenn es nur im Conte war, einer Lokal-Legende um die Ecke bei der Redaktion, in der ich arbeitete. #

Dass er meinen Bruder bei den Rad-Trainings-Fahrten begleitete, auch bei den Rennen, auch als Koch für alle im Trainingslager in Italien – das war auch Teil des Lebens des Idealisten Karl Heinz Jeszenak.

In den letzten Jahren treffen sich die GefährtInnen der Jugendzeit einmal monatlich. Karl Heinz war ein paar Mal dabei. Schließlich war er ja auch der Taufpate meines Neffen Achim, damals, 1967.

Es gäbe noch viel zu sagen. Was bleibt sind Fragen, wie ich sie oben gestellt habe.

Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit ist nur ein Teil dessen, was dazu gehört. Die Erinnerung ist ewig jung und je älter man wird, umso mehr und auch verklärter wird diese. Karl Heinz wird immer Teil davon sein, das ist sicher.

Ruhe in Frieden, alter Kumpel der Berge, alter Partner auf der Bühne und trink einen Humpen, dort, wo du jetzt bist. Und wenn du dort auch Gas geben kannst, dann nimm die Kurven durchs Universum nicht zu schnell, sondern fahre geruhsam deine Bahn, dort, wohin du als Teil dessen, was wir alle sind, entschwunden bist.

Dein

alter Wini

im Namen aller, die dich kannten und gern hatten.

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