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Mitten in Innsbruck – abends im Bus: Die Nazis sind wieder da. 2. März 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Es ist Freitag, 2. März 2012. 17.22 Uhr, im Bus der IVB-Linie J nächst der Station Landessportzentrum, Richtung Igls.

Außer mir sind noch 17 Personen im Bus, Mütter und Väter mit Kindern, Berufstätige auf der Heimfahrt oder ins Hotel nach Igls, wo sie den Urlaub verbringen. Ein Sprachengewirr, italienisch, englisch und natürlich auch deutsch. Mehr nicht.

Ein ganz normaler Freitag Abend.

Ganz normal?

Kurz vor der Haltestelle Landessportzentrum springt plötzlich ein Mann, rund 50 Jahre alt, augenscheinlich mittelschwer betrunken, auf, drängt einen zweiten Mann beim Ausstieg zur Seite und beginnt zu brüllen:

Nach ein paar Sätzen kauderwelschem Englisch, in denen das Wort fuck mehrmals vorkommt, kommt er zum Höhepunkt: Fuck die Ausländer. Ausländer raus. Heil Strache, Ausländer raus. Sieg Heil.

Die Türe des Busses geht auf, er geht hinaus, nicht ohne noch einmal Sieg Heil zu brüllen. Ich habe drei Mal zu ihm gesagt, etwas laut, zugegebermaßen, er solle sein Maul halten. Dann ist er weg.

Vorwurfsvolle Blicke der anderen Passagiere, die mir gelten. Quasi: Wie kann man nur? Hinter mir eine Stimme, die zu einem älteren Herren gehört: Er ist besoffen, aber er hat recht.

Wie gesagt: 2012, nicht 1942. Und jedes Wort meiner Schilderung ist wahr.

Alle haben sich geduckt, als der Mann Sieg Heil gebrüllt hat. Und alles andere. Alle haben sich geduckt, wie damals . . .

Ich könnte jetzt zur Tagesordnung übergeben und mir denken: Der wohnt halt da in den Sozialwohnungen, gegenüber den Stadien, an einer viel befahrenen Straße, er hat sein Geld bekommen und sich betrunken.

Und ich könnte das alles nicht so ernst nehmen.

Nur: Ich tue das nicht. Ich nehme das, verdammt nochmal, sehr ernst. Und ich mahne bei meinen Mitmenschen Demokratie-Bewusstsein und ein klares Nein zu Sieg-Heil und anderen Rufen ein.

Und ich sage: Weit haben Sie es gebracht, Herr Strache, Herr Hetzer, weit haben Sie diese Republik in den geistigen Abgrund geführt, und ihre Statthalter, – ich bin versucht zu schreiben -: Gauleiter, aber ich schreibe das nicht und denke es mir nur, ihre Statthalter in Tirol tun das Ihre dazu.

Denn das, was der Betrunkene gebrüllt hat, brüllen Sie auf subtilere Art,  und ihre geistigen Handlanger an den Stammtischen und anderswo brüllen dies immer lauter und direkter,und die Masse schweigt dazu.

Wie damals. Genau wie damals: Damals kamen auch die betrunkenen SA-ler und Blockwarte überallhin und brüllten herum, dass die Nicht-Nazis und andere „Gegner“ raus sollten – gemeint war: in die Volksgerichtshöfe, zur Gestapo und in die Urteile, die in die Konzentrationslager führten.

Damals duckten sich auch alle und schwiegen. Und denunzierten die Nachbarn, die die „Feindsender“ hörten. Und, und, und …..

Ich will nichts dramatisieren. Ich hab‘ mir den Typen genau gemerkt.

Und ich habe mir auch das Verhalten der Mitfahrer im Bus genau gemerkt.

Ich werde nicht schweigen. Nein. Unter keinen Umständen.

Und ich sage: Wehret den Anfängen. Wer die FPÖ wählt, wählt den Geist der Vergangenheit, wählt die wildgewordenen besoffenen Blockwarte, die Hetzer und Ausgrenzer.

Schaut nicht weg. Hört hin, ihr, die ihr euch Demokraten nennt. Wir brauchen BürgerInnen-Widerstand.

Gegen Unfreiheit, Ausgrenzung, Verhetzung. Und gegen jede Form von Sieg Heil.

Diesem Unwort-Gruß stelle ich meinen Gruß entgegen: Freiheit!

Und ich meine nicht freiheitlich, ihr braunen-blauen Strachtlerioten.

Winfried Werner Linde

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Kommentare

1. Rochus Gratzfeld - 2. März 2012

genau so ist es, lieber winfried. die braune brut traut sich wieder hervor. strachismus lässt sie aus den verschüttet gegelaubten katakomben unseliger vergangenheit wie dämone wieder hervorsteigen sie trauen sich wieder was.und der beschränkte zahntechniker will ihnen diesen zahn des wahns nicht ziehen. im gegenteil. er lässt ihnen eine stärkende wurzelbehandlung zukommen. und die meisten menschen. sie schweigen. mehr. selten. weniger. oft.

2. wwlinde - 2. März 2012

Danke, Rochus. Leider die Wahrheit!

3. ulrike - 3. März 2012

ähnliches ist mir in der strassenbahn in linz passiert. auch hier SCHWEIGEN. ausser mir hat niemand etwas dagegen gesagt. ich finde das sehr bedenklich und es macht mir ehrlich gesagt ANGST!

4. Ratking-Agentur - 3. März 2012

Ich halte das doch für mutig, andererseits frage ich mich, inwieweit solche Sachen dann von Erfolg gekrönt sein werden. Nazis sind ja im Allgemeinen nicht gerade für ihre Lernfähigkeit bekannt – sie verfolgen ja eine Ideologie, und da bringt sie wenig davon ab, weder logische Argumentationsketten und erst recht kein Gebrüll.

Wenn der Betroffene dann noch dazu betrunken ist, dürfte die Rezeptionsfähigkeit sogar noch weiter abnehmen (soweit das irgendwie möglich ist – schließlich setzt das ja irgendwie das Vorhandensein eines funktionstüchtigen Gehirns voraus) und man riskiert eher noch eine sinnlose Schlägerei – was von diesen Leuten nicht selten ja auch gewollt ist, damit sie sich „beweisen“ können. Interessant finde ich ja die Reaktion der anderen Fahrgäste – aber überraschend finde ich sie eigentlich auch nicht.

Allerdings stellt man sich natürlich immer wieder die Frage nach einer effektiven Handlungsweise, die solche Dinge möglichst verhindert. Meiner Meinung nach ist es äußerst schwierig diese Leute zu überzeugen – wer einmal ideologisch konditioniert ist, der fängt eben an zu sabbern, wenn sobald das Glöckchen läutet. Für die Jüngeren helfen wohl nur Bildung und Humor. Bildung versteht sich von selbst (aber ist soooo schwierig durchzusetzen *seufz*), und Humor kann eine Waffe sein. Man sollte sich, glaube ich, ruhig bewusst und ständig lustig machen über diese Leute, man darf sie ruhig ins Lächerliche ziehen und ihre ganze Blödheit und Albernheit, die sie neben ihrer Gefährlichkeit ja auch besitzen, öffentlich machen.

Denn wenn manche jungen Leute denken, dass diese Leute gefürchtet werden, dann wollen sie eventuell mitmachen und dabei sein. Sie wollen auch gefürchtet werden und Angste einflößen – dieses Machtgefühl ausleben. Aber wer will schon gerne in einer Gruppe mitmachen, die alle für bescheuert und lächerlich halten? Wer macht schon gerne bei Trotteln mit und lässt sich selber gern als Trottel bezeichnen? Und dass die Nazis extrem viele Trottel, Dummheiten, absurde Gedanken und lächerlichen Schwachsinn aufweisen, das ist ja wohl unbestritten (meine Güte, die sind manchmal schlimmer als jeder Karnevalsverein!)

Hätten sich, nachdem der Patient ausgestiegen war, lieber mal zwei Fahrgäste das Maul über dessen Idiotie zerrissen, dann hätte wahrscheinlich auch dieser alte Mann sich zweimal überlegt, ob er denn was sagt. Dann hätten sich nicht andere vielleicht auch noch heimlich bestätigt gesehen. Denn das Eine ist, eine andere Meinung zu artikulieren und sich damit auf das gleiche Niveau zu stellen. Das Andere ist aber zu zeigen, dass sich eine ernsthafte Diskussion mit diesem Personenkreis keineswegs lohnt, weil er sowieso nur aus Schwachköpfen besteht – und wer die selbe Meinung vertritt wie eben jene kann nur selbst auch ein Schwachkopf sein(Was übrigens nicht heißt, die Gefahr nicht ernst zu nehmen).

Nun ja, die ultimative Lösung ist auch das nicht. Bildung wäre natürlich wichtiger und auch wirkungsvoller. Aber es ist doch ein erster Schritt. Mutig fand ich die Aktion übrigens -wie bereits erwähnt – trotzdem.

5. Patricius - 3. März 2012

Bin in der nähe von Stuttgart in der Schnellbahn von einem sehr sehr betrunkenen Herren als Nazi beschimpft worden, der meinen St. Pauli Pulli wegen des Totenkopfes drauf falsch interpretiert hatte .

Mir war das furchtbar peinlich und ich versuchte ihn zu beruhigen, was mir dann gottseidank auch gelungen ist, weil ich halt nunmal echt auf ganz der anderen Seite des politischen Spektrums steh…

Was mich schockiert hat war aber, dass nicht ich derjenige war der von den anderen Fahrgästen schief beäugt wurde, sondern der „linke“ Randalierer. Ich meine sogar als Antwort als er sagte „da sinds die Nazis“ , sogar hier ein „Na und?“ , dort ein „Macht ja nix“ und sogar ein „des is besser als sowas wie du“ gehört zu haben…

Es ist einfach anscheinend auch in Deutschland so, das man halt lieber einen „aufrechten Nazi“ als Sitznachbarn in der Schnellbahn hat als einen linken , zugegebener weise viel zu betrunkenen der in der besten aller intentionen vor der Gefahr von rechts warnen will….

6. edriedric - 3. März 2012

der Ungeist kommt immer weiter an die Oberfläche. Es fehlt zu sehr an Menschlichkeit, wenn sich niemand empören kann oder will. Das liegt auch daran, dass niemand darüber nachdenkt, welche Ausmaße das annehmen kann und vermutlich auch wird. Quer durch alle Schichten zieht sich der Faden des latenten Faschismus, der Xenophobie, des Antisemitismus….. anstatt aufzuklären, wird geschwiegen. Die Hetzer haben Narrenfreiheit!

7. Don Furioso - 3. März 2012

Es wird geschwiegen, weil viele insgeheim zustimmen. Das Nazibazillus ist nie wirklich ausgerottet worden – wie ich sehe auch nicht in Österreich. Gruß und Beileid aus Deutschland,

edriedric - 3. März 2012

Liebe Grüße zurück nach Deutschland – nie wirklich ausgerottet – genau so ist es!!

policorleone - 4. März 2012

Das sehe ich genauso

8. Andreas Moser - 4. März 2012

Ich reagiere auch jedes Mal öffentlich gegen Rassismus und Antisemitismus. Manchmal laut, weil ich wütend bin, manchmal – in den schlagfertigen Momenten – mit Humor.

Es ist traurig, wirklich traurig wie weit verbreitet Rassismus, Antisemitsmus und Geschichtsrevisionismus sind. Ich lebe in Malta, und allein im Januar passierte es zweimal, daß jemand meine Herkunft aus Deutschland damit begrüßte, daß er Hitler und speziell den den Holocaust lobte.

Daß jemand betrunken ist, macht es nicht besser, denn dann sprechen die Menschen aus, was sie wirklich denken. Das Gedankengut ist also tief verwurzelt in den Seelen.

edriedric - 4. März 2012

völlig richtig – betrunken sein, darf nicht mal der Hauch ein Entschuldigung sein.
Und wenn man nur öfter mit Humor „argumentieren“ könnte!

Liebe Grüße nach Malta!

Andreas Moser - 4. März 2012

Meist fallen mir die humorvollen Repliken auch erst später zuhause ein, wenn mir alles nochmals durch den Kopf geht.

9. wwlinde - 4. März 2012

Liebe LeserInnen, Beschwichtigungen und anonyme Beschimpfungen genehmige ich nicht. Sie landen unter Spam. Dort gehören Meinungsäußerungen hin, die jede Form von Aufflackern von Ausgrenzung und Beschimpfung anderer Menschen beinhalten. Ich bin für freie Meinungsäußerung. Aber schreibts das in euren Blogs.
Danke.

Astrid S. - 4. März 2012

Hey, wow… also, ich hatte da auch mal so ein Erlebnis. Im Bus, in Graz, Nachmittag, Freitag. Zwei Frauen um die 25, eine mit Schleier und Kinderwagen, die andere nur mit Kinderwagen und einem Kleinkind an der Hand. Das Mädl amchte große Augen und hat mich angesehen, bis ich gelächelt habe. Dann fängt der kleine Knirps im Kinderwagerl zum Weinen an. Babys müssen eben manchmal schreien.
Und weil die Mutter schwer mit einer Hand ein Kleinkind aus dem Kinderwagen nehmen kann, versucht sie eben so, es zu beruhigen, bis der Bus hält oder sie aussteigt. Das geht gerade mal 20 Sekunden oder so, dann fängt schon ein älterer Herr an, sie wüst zu beschimpfen. Wie sie ihre Kinder herumlaufen lässt, dass sie keine Ahnung hat, wie man so ein Kind beruhigt, dass sie schlimmer ist als ein Tier. Eine Frau stimmt ihm zu. Die sind nur da, um Kinder zu kriegen. Und ich stehe daneben, genauso wie andere, die sich erlich fremdgeschämt haben Sagen habe ich nichts können, ich bin anscheinend in einer viel zu behüteten Welt aufgewachsen. Ich war ehrlich schockiert. Dein Bericht hat in mir wieder dieses komische Gefühl wachgerufen, dass ich danach einige Tage hatte. Darf das denn überhaupt wahr sein? Wo leben wir denn?
Am schlimmsten ist es dann, wenn man hört, dass manche Jugendliche keine Ahnung haben, was Mauthausen eigentlich sein soll. Ich studiere Archäologie, ein Kollege von mir macht neuzeitliche Archäologie. Ja, das gibt es auch. Er steht jetzt dann bald den dritten Sommer in einer Außenstelle eines Konzentrationslagers und gräbt die Hinterlassenschaften einer grausamen Vergangenheit aus. Sowas gehört mehr an die Öffentlichkeit.
Und ich hoffe, dass ich das nächste Mal, wenn mir sowas passiert, etwas sagen kann. Jetzt weiß ich ja, dass für einige anscheinend seit mehr als 60 Jahren nichts passiert ist in der Geisteshaltung.

10. Karl - 4. März 2012

Derweil sie „Gesicht zeigen gegen rechts“, senken sie furchtsam den Blick, wenn Ali und Achmed dräuen; derweil sie bekämpfen, was sich nicht wehren kann — tote Nazis, Kriegsgeneration, katholische Kirche, Burschenschaften, „Junge Freiheit“ –, geht ihnen in der U-Bahn, der Diskothek und auf dem abendlichen Heimweg die Muffe vor Mustafa und Hassan. (Und die anderen Maulhelden krakeelen auf PI herum.)


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