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Misshandlungen in Tiroler Heimen – Fortsetzung, Beitrag von Erwin Aschenwald 13. Februar 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Sehr geehrte Damen und Herren,

Zivilcourage – eine Charaktereigenschaft auf der ‚roten Liste‘ der vom Aussterben bedrohten menschlichen Qualitäten?

anbei zu Ihrer Information ein Schreiben, das mir eben von Frau Brigitte Wanker übermittelt wurde. Es enthält eine aktuelle Stellungnahme einer Kollegin/Mitarbeiterin von Frau Wanker zu den damaligen Geschehnissen und wie damit umgegangen wurde.

Hier auch noch die Links zu zwei Ausschnitten aus dem seinerzeitigen ORF-Teleobjektiv-Beitrag, an dessen Zustandekommen Frau Wanker durch die Überlassung ihres Tagebuches großen Anteil hatte:

http://www.youtube.com/TheDonervino#p/u/2/QF2pXmrvW1A

und

http://www.youtube.com/TheDonervino#p/u/1/WKPWExyzhhk

Britte Wankers Mut, die skandalösen Zustände in dieser Einrichtung für Menschen mit Behinderung an die Öffentlichkeit zu bringen, sollte ebenso nicht vergessen werden, wie die skandalösen Interventionen und Vertuschungsversuche des damaligen Tiroler LH-StV. Dr. Fritz Prior.

In diesem Sinne überlasse ich Ihnen, mit Zustimmung der Absenderin, das nachfolgende Schreiben und hoffe, dass wenigstens heute, 32 Jahre zu spät, ‚das Richtige‘ getan wird.

mfg
erwin aschenwald

——– Original-Nachricht ——–
Datum: Sun, 12 Feb 2012 21:49:46 +0100
Von: Brigitte Wanker
An: erwin.aschenwald@gmx.at
Betreff: Text von Heidi Praxmarer

anbei die Mail von Heidi Praxmarer, frei zur Verwendung!

Danke für alles,
Liebe Grüße,
Brigitte

——————————————————————————————-

Liebe Grüße!

Heidi Praxmarer
Lofererstr. 28
5760 Saalfelden

Ich kenne Brigitte Wanker aus der gemeinsamen Arbeit im „Kindergarten für Alle“ in Innsbruck. Dort habe ich sie als sehr feine Kollegin schätzen gelernt, die vorsichtig und umsichtig mit Kindern umging, die durch ihre besonderen Fähigkeiten im künstlerischen Ausdruck wunderbare erzieherische Schwerpunkte setzte, die immer bereit war, unsere pädagogischen Aufgaben und Probleme anzusprechen und zu diskutieren.

Da ich selbst im Josefs-Institut in Mils gearbeitet hatte, habe ich Brigittes Mut bewundert, die damaligen Zustände in diesem Heim aufzuzeigen. Die Reaktionen darauf – von Seiten des Arbeitgebers und auch von öffentlicher Seite – waren sehr heftig und haben Brigitte sehr geschadet, beruflich, seelisch und körperlich.

Ich möchte nun erzählen, wie es mir im Josefs-Institut ergangen ist.

Ich bin Physiotherapeutin für Kinder. Anfang 1974 wurde ich vom Amt der Tiroler Landesregierung, genauer von der Rehabilitationsabteilung gefragt, ob ich stundenweise in Mils Kinder betreuen könnte. Die therapeutische Betreuung von Kindern mit Körperbehinderung wurde für die Institution zur Auflage gemacht. In der Folge betreute ich 2mal pro Woche ca. 10 Kinder. Unsere Abmachung, dass immer wieder eine Betreuerin anwesend sein sollte, um therapeutische Abläufe in den Alltag einzubauen, konnte nicht erfüllt werden, im Bestfall konnte ich am Ende der Therapie-Einheit kurze Erklärungen abgeben, die aber auch nicht erfüllbar waren.

Es gab in den Gruppen viel zu viele Kinder mit schwersten geistigen und psychischen Problemen und viel zu wenig Personal, um gute Pflege sicher zu stellen – an individuelle Betreuung und besonderes Eingehen auf einzelne Bedürfnisse war absolut nicht zu denken. Schon mit Ankleiden, Toilette, Füttern waren die Betreuerinnen hoffnungslos überfordert. Dazu kam, daß die Schwestern keine entsprechende Ausbildung hatten. Als Folge dieser Umstände waren die Kinder schlecht gepflegt, kaum gefördert, vernachlässigt und meistens ungeliebt. Ich mußte meine kleinen Patienten jeweils auf der Station abholen – dadurch bekam ich Einblick in das Alltagsgeschen, in Erziehungspraktiken, die ich als gewalttätig und lieblos erlebte. Kinder wurden oft und heftig geschlagen („die einzige Sprache, die sie verstehen“), an Tischbeine angebunden, in Kammern oder Toiletten oder auf den Balkon gesperrt…
Manche Kinder mußte ich – durchaus als therapeutische Handlung zu sehen – vorher baden oder waschen und frisch ankleiden.
Die Therapie selbst war sehr positiv – ich hatte einen großen Turnsaal zur Verfügung, die Kinder freuten sich über persönliche Zuwendung, über spielerische Bewegungsangebote, über entspannte Situationen.
Ein Kind mußte ich von der Männerstation abholen (wo ich mich immer ein wenig gefürchtet habe): es war ein geistig normales(!) Kind mit einer Bewegungsstörung (ohne Familie, deshalb war es in Mils gelandet) – und weil die Schwester der Männerstation dieses Kind besonders liebte, bekam sie es zum Namenstag „geschenkt“.
All diese schwierigen Umstände bewirkten, daß ich sehr frustriert war, weil meine Arbeit eigentlich nicht viel Sinn machte. Ich hatte jedes Mal nachher Kopfschmerzen und mußte mich immer mehr zwingen, nach Mils zu fahren. Ich habe einige Male versucht, mit Schwestern zu sprechen – einerseits erklärten sie, überfordert zu sein, andererseits wollten sie keine Einmischung. Also beendete ich nach 2 Jahren die Arbeit in Mils.

Während ich mich einfach herausgeschlichen habe, hat Brigitte Wanker später gekämpft: dafür, dass man die Not dieser Kinder wahrnahm, und für eine Verbesserung der Zustände in Mils. Ich habe sie dafür bewundert. Umso mehr bin ich betroffen vom Umgang mit ihrer Geschichte als Opfer von kirchlicher und öffentlicher Missachtung und Misshandlung. Ich würde mir wünschen, dass sowohl ihr Mut als auch die Verfolgung für diesen Mut gesehen und anerkannt werden – und dass sie dafür die ihr zustehende Würdigung und Entschädigung erhält – von der Kirche und von der Öffentlichkeit.

Saalfelden, 4.2.2012

Heidi Praxmarer

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