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Atem-Stillstand oder Freiheit für Evolution . . .? 26. Januar 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Die so genannte Freiheitliche Partei ist längst keine Freiheitliche Partei mehr. Sie hat sich von den Grundsätzen der Freiheit und des Liberalismus weit entfernt und ist zu einer Nachfolge-Partei jener Organisation geworden, die seinerzeit zur „Machtergreifung“ Hitlers 1933 geführt.

Die Situation ist derzeit, anno 2012, ähnlich. Die politische Situation allerdings eine andere, in Deutschland. In Österreich und einigen anderen Staaten Europas allerdings setzen sich immer mehr die Populisten und Gegner einer liberalen und pluralistischen Gesellschaft in Szene.

Für mich war dies Anlass, ein paar Gedanken zu ordnen und ein bisschen in meinen Geschichtserinnerungslücken zu blättern. Die Wissenschaft möge mir vergeben, ich nehme nur mein Bürgerrecht in Anspruch.

Atem-Stillstand oder Freiheit für Evolution . . .?
Der Versuch, ein paar Gedanken zu ordnen – von Winfried Werner Linde

„Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire“, diese Forderung erhebt der Marquis de Posa in Friedrich von Schillers „Don Carlos“ und wird als sonderbarer Schwärmer bezeichnet. Aber: Posa ruft Nachdenklichkeit hervor, Umdenken, seine Raserei führt letztlich zum beginnenden Ende der Unterdrückung.
Die Französische Revolution stand an der Wiege dieses Werkes, das eines der Vorboten dessen ist, was man als die Bürgerliche Revolution von 1848 bezeichnet. Zwischen dem Sturm auf die Bastille und dem Revolutionssturm von 1848 lagen fast 60 Jahre und damit fast drei Generationen. 1789 und 1848 bedeuten Jahre des Stillstandes des Welt-Atems, kennzeichnen die Fortsetzung (Gaismair, Müntzer, Luther – Gutenberg machte es möglich durch Buchdruck, also Medien) der Freiheits- und Veränderungsbewegungen der beginnenden Neuzeit und den rasenden, leidvollen Beginn einer Revolution, die die damals bürgerlich-aristokratische und frühkapitalistische Welt erschütterte.
Als Karl Marx mit Friedrich Engels zeitgleich mit der bürgerlichen Revolution ihr Manifest des Kommunismus veröffentlichten, das letztlich auch in den Thesen über Feuerbach und damit in der Feststellung gipfelte, dass die Philosophen bisher die Welt nur interpretiert haben, es komme aber darauf an, sie auch zu verändern, herrschte in Österreich (der Habsburg-Monarchie) die nackte und grausame Unterdrückung durch den Obrigkeitsstaat. Bespitzelung und Denunziation waren an der Tagesordnung – von Freiheiten keine Spur.
Lieder wie „Die Gedanken sind frei“ – heute noch gültiger wie eh und je – sind Zeugnisse von Freiheitswillen der Menschen damals. Universaldenker und Studenten standen mit an der Wiege der neuen Freiheiten und fochten Seite an Seite mit jenen, die schließlich in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/1849 in der Paulskirche die erste frei gewählte demokratische Institution schufen.
Neben den Freiheiten forderten die damaligen Teilnehmer auch – aus der Sicht der Geschichte – auch einen deutschen Nationalstaat, um die Einheit der damaligen Fürsten- und Herzogtümer, ähnlich den heutigen Bundesländern, zu forcieren. Freiheit ohne Grenzen – das sollte die nationale Identität bringen.
Ohne die Frankfurter Paulskirche-Bewegung ist der bürgerlich-liberale Staat undenkbar wie auch die Bewegungen des Sozialismus und des Anarchismus.
Spannungsfelder entstanden, aber nur aus Spannungsfeldern entstehen neue Erkenntnisse.
Das gilt damals wie heute: Die Toleranz der anderen Meinung, die sich auf dem Boden von Recht und Freiheit befindet, ist eine Bereicherung des Wissens um das eigene Sein.
Für absolutistische Zumutungen wie linken oder rechten Positionen, die nichts anderes mehr zulassen und den anderen denunzieren und nicht als demokratisches Signal akzeptieren, sind im 21. Jahrhundert keine Gedanken-Türen mehr offen:
Der Mensch sollte in seiner Beschränktheit akzeptieren, dass die Eindimensionalität des Denkens innerhalb von demokratischen und rechtsstaatlichen Instanzen der Tod der Mehrdimensionalität ist, also der Tod der Wahrheit und der Freiheit. Denn beide, Wahrheit und Freiheit, liegen in eben dieser Mehrdimensionalität, in der sich die Menschen bewegen. Das ist spätestens seit dem Jahr 1968 klar.
Die Gesellschaft in Europa und dem Rest der Welt befindet sich im Zustand des Atemstillstandes, wenn man die Mehrdimensionalität des Denkens als Lebensatem sieht. Eindimensionalität ist immer Tod. Sie bringt die Vielfalt des Lebensnotwendigen um und damit – in die Politik transportiert – Freiheit und Demokratie.
Und die demokratische Gesellschaft hält den Atem an, so lange, bis letztlich der Stillstand einsetzt und die Evolution endet.
Freiheit verlangt nicht nach Stillstand, sie verlangt nach dieser Evolution, dem „Alles fließt“ des Griechen Heraklith.
Diese Evolution endet nie. Sie ist eine ständig fortschreitende Entwicklung hin zu mehr Freiheit, mehr Gleichheit, mehr sozialer Gerechtigkeit, also Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit – und sie ist ein Zeichen der Heimat. Nur wer Heimat hat, kann frei sein, ist nicht gejagt von einem ständigen Wandern-Müssen, wird nicht vertrieben werden können – allen Gewalten zum Trotz.
Freiheit ist also Teil der Heimat der Menschen. Freiheit fördert die Entwicklung zu einem Goethe’schen höheren Wesen, Freiheit fördert auch die Elite, schützt aber vor allem Minderheiten und bekämpft jede Ungleichheit, die die einen reich und die anderen immer ärmer werden lässt.
Nun sind Freiheit, Heimat, Elite in der derzeitigen Welt Begriffe, die denunziert sind, weil sie irgendwann im Nationalsozialismus ebenfalls propagiert wurden. Nur: Heimat, Freiheit, Eliten hat es seit Beginn der Geschichtsschreibung über menschliches Denken gegeben und sie berechtigen und befähigen, in vertrauter Umgebung Entscheidungen zu fällen, die abseits von Zwängen liegen. Die wahren Eliten lehren dies, einerseits, sie lehren aber auch, andererseits, dass die Freiheit des Einzelnen dort aufhört und endet, wo die Freiheit des anderen beginnt.
Aber auch letzteres hemmt nicht die Evolution, die Freiheit, wenn die Entscheidungen über die Individualrechte und Individualdistanzen unter freien und gleichen Bedingungen, also unter demokratischen Aspekten und damit dem Recht der Mehrheit unter Berücksichtigung der Rechte der Minderheiten, gefällt werden.
In der Gegenwart sind wir von dieser Wirklichkeit von Freiheiten weit entfernt. Die Welt ist bestenfalls zum Schmelztiegel der Anti-Kultur degeneriert, jenseits eines Raumes, der Geborgenheit und Freiheit in sich trägt. Zugegeben, das ist überspitzt gesagt. Aber:
Wo bleibt die Freiheit der Gestaltung eines gesunden Lebensraumes angesichts des überbordenden Verkehrs, der diesen Raum immer mehr frisst?
Wo bleibt die Freiheit der Gestaltung von Heimat, angesichts der Produkte-Vorschriften und der Doktrin der EU, die Freiheiten nur im Interesse des Neo-Liberalismus zulässt?
Wo ist Freiheit, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden?
Das sind nur drei Beispiele von vielen, zu denen auch die schleichende Naturzerstörung gehört.
Der Atemstillstand der Entwicklung muss beendet werden. Die Seele des Lebensraumes muss wieder den Atem der Kraft der Heimat versprühen.
Die Kultur sollte sich endlich aus der Stagnation des Traditionellen erheben, dorthin, wo Zukunft aufleuchtet statt bloße Vergangenheit oder Postmoderne, Selbstbestimmung statt Indoktrinierung herrscht und soziale Gerechtigkeit statt schrankenlose Geld- und Polit-Allmacht. Eine Kultur zur Freiheit und Heimat eben.

Daher: Freiheit bedeutet auch Visionäre statt Pragmatiker, Aufmucken statt Sich-Ducken und Mitgefühl statt Schulterzucken. Und letztlich auch: Weg mit jedem politischen Opportunismus zur Beibehaltung und Zementierung der Macht.
Damit stehen wir an der Fortsetzung der Gedanken von 1789 und 1848 und am Ende eines über 200 Jahre währenden Atemstillstandes der Gesellschaft und dem Beginn einer Hinwendung zum Menschen und dessen Freiheit . . .

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Kommentare

1. Mag. Dr. Walter Schrittwieser - 27. Januar 2012

Lieber Winfried Linde,
dass mir der Text gefällt, habe ich oben in der Bewertung schon zum Ausdruck gebracht.
Der dem Text innewohnenden Tendenz, der menschlichen Enwicklung hin zu einem Leben in Freiheit und sozialer Gerechtigkeit zu verhelfen, diese Entwicklung zu unterstützen, gehört meine ganze Sympathie. Allein der Einschätzung, dass diese Entwicklung eine „unaufhörlich evolutionäre“, eine „quasi-determinierte“ wäre, wie ich aus Teilen des Textes zu erlesen glaube, kann ich nicht zustimmen. Das bemerkst Du einige Zeilen später auch selbst, indem Du die „Missentwicklungen“ unserer Zeit kritisierst und beklagst. Insofern scheint mir das eine in Bezug zum anderen in Widerspruch zu stehen. Wenn die menschliche, soziale Entwicklung im Sinne eines materiellen (historischen) Determinismus vonstatten ginge, dann bräuchten wir ja gar nichts dazu tun, die Freiheit und die soziale Gerechtigkeit käme wie von selbst. Wir beide wissen, dass dem nicht so ist und dass man für „bessere“ Lebensverhältnisse zu kämpfen bereit sein muss und nicht immer diejenigen die Kämpfe gewinnen, die das vertreten, was wir („wir“ – sollte keine Anbiederung sein, abgesehen davon, dass unklar ist, ob dieses „wir“ tatsächlich berechtigt ist) unter diesen „besseren“ Verhältnissen verstehen wollen. In diesem Sinne, mit besten Grüßen WS.


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