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Auf der Suche nach dem verlorenen Volk 13. Januar 2012

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Auf der Suche nach dem verlorenen Volk

Es hat schon etwas sehr erniedrigendes für den österreichischen Kultur-Teil Europas, der über die Epochen geistig führend war. Da kann man zurückblättern in den Geschichten zu Nikolaus von Kues und Johannes Hus, die beide theologische Dispute bis in die Tiefe der Gesellschaft trugen. Da begegnet einem Michael Gaismair, der Rebell mit der ältesten Verfassungs-Schrift des Festlandes Europa (von England muss man absehen, in diesem Fall). Da stehen Jakob Prandtauer und Michael Pacher, zwei Beispiele nur, das steht die Literatur, die Musik, die Bildende Kunst – Namen zwischen Mozart und Klimt, ein Füllhorn der Geistesgeschichte. Da steht Kafka neben Karl Kraus und damit gibt es einen ersten Ansatz zur Gegenwart.
Womit wir beim eingangs erwähnten Erniedrigenden sind: Denn der Karl Kraus’sche Satz: „Die Ratten betreten das sinkende Schiff“ wird immer mehr zur kleingeistigen und kleinbürgerlichen Wirklichkeit in Österreich. Das Beispiel der Strachtler-Partei und deren (durchaus auch gebildeten) Exponenten spricht ganze Ungeist-Bände von der Zerstörung österreichischen Geisteslebens und dem In-Frage-Stellen von Demokratie und Charakter. Wobei Strachtler, wie ich den Führer der so genannten (historisch völlig zu Unrecht so bezeichneten) freiheitlichen Partei, immer nenne, die Schwäche der Kommunikation und der Bildung ausnützen kann.
Die Sprache der Politiker ist auf der Suche nach der Sprache des Volkes und die so genannten Medien, die in Bild, Ton und Schrift agieren, tun nichts dazu, dieses Missverhältnis zwischen Wirklichkeit und Öffentlichkeit zu beseitigen. Nichts ist geistig schlimmer, ja erniedrigender für das denkende Volk als der Jubel bei einer Worthülsen- und Sprachblasen-Rede des Herrn Strachtler, der wie ein Abklatsch der Comic-Figur Superman durch die geistigen Niederungen der Politik braust.
Derlei ist die Überheblichkeit des Nichtssagenden von einem oder mehreren in der nationalistisch-kapitalistisch geprägten Post-Demokratie, dem das Volk und dessen Bedürfnisse völlig egal sind. Diese selbsternannten Volkstribune nützen die Frustration der Massen für ihre Agitation, indem sie das sagen, was die Masse eh schon immer gewusst hat und artikulieren die Befriedigung der Egoismen. Ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass jetzt die Zeit gekommen ist, in der die Vielen für die durch die Wenigen verursachten Schäden bezahlen müssen, obwohl diese Schäden ja gar nicht vorhanden sind. Außer in den Marketings- und Public-Relations-Strategien derer, die immer mehr auf Kosten des Volkes leben.
Andererseits ist es eine unwiderlegbare Tatsache, dass jemand, der in Zeiten wie in diesen dem Volk auf Maul schaut, wie der Gemeinplatz lautet, ständig in den Rachen des Nichts starrt. Dieses Nichts ist austauschbar und Strachtler benützt diese Erkenntnis: Er ersetzt das Nichts, das im Volk durch den Mangel an Kommunikation und dem fehlenden Geist des Miteinander entsteht, durch sein präfaschistisches, nationalistisches und damit ausgrenzendes Nichts. Indem er sich als Opfer von Ausgrenzung gibt, solidarisiert sich die Masse und die Medien machen ihn massetauglich, indem sie dem Nichts Raum geben.
Was in der Zeitung steht, ist wahr, so denkt die Masse noch immer. Was im Fernsehen geschieht, ist die Wirklichkeit, so lautet die zweite Erkenntnis der Masse. Und einzelne Kommentatoren wurden zu den Weisen der Gesellschaft, einfach nur deshalb, weil sie clever die Stimme des Volkes nachmachen, in diesem Plagiat des Ungeistes agieren und die Masse nach 20 Zeilen dieses Plagiat als Wirklichkeit der Gegenwart abnickt.
Auf der Suche nach dem verlorenen Volk ist den Repräsentanten eben dieses Volkes jedes Mittel recht, um ein anderes Volk zu erschaffen, in dem das gilt, was ihnen dienlich ist.
Der deutsche Schriftsteller Ingo Schulze schrieb kürzlich in der Süddeutschen Zeitung einen Gastbeitrag, indem er abschließend feststellt: „ Ich würde Ihnen noch gern von den anderen erzählen, von einem Professor, der sagte, er stehe wieder auf den Positionen, mit denen er als Fünfzehnjähriger die Welt gesehen hat, von einer Studie der ETH Zürich, die die Verflechtungen der Konzerne untersucht hat und auf eine Zahl von 147 kam, 147 Konzerne, die die Welt aufgeteilt haben, die fünfzig mächtigsten davon Banken und Versicherer (mit Ausnahme einer Erdölgesellschaft), ich würde noch gern erzählen, dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann. Und davon, dass ich wieder Lust bekam, den Mund aufzumachen.“
Ich habe bereits in der kurzen Facebook-Notiz diesem zugestimmt und bekräftige es erneut: Ja, auch ich habe Lust, den Mund aufzumachen.“ (Ende des Zitates)
Ja, ich habe das Bedürfnis, im Interesse der Demokratie und deren Erhaltung, wieder dagegen anzuschreiben, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden.

Ja, ich möchte, dass es endlich eine Politik gibt, die durch gerechte Menschen repräsentiert wird. Wir brauchen nicht sozialen Ausgleich, sondern soziale Gerechtigkeit. Der Unterschied liegt darum, dass Ausgleich etwas ist, das wie Almosen gegeben wird, aber der Ausgleich ist in Wahrheit nur das, was der Masse schon lange vorher weggenommen wurde – von den Wenigen.
Ich verlange, dass die Rechtsprechung nicht die bestehenden Machtverhältnisse zementiert, sondern dass die Gesetze dahin gehend verändert werden, dass die Schwachen, die sozial Ausgelieferten, die durch die Machenschaften von Spekulanten, Bankern und anderen Egoisten geschädigt wurden, wieder entschädigt werden.
Wir brauchen ein neues Zeitalter der Aufklärung, weil wir nicht einmal mehr die logischen Folgen jenes Zeitalters vor rund 230 Jahren erleben durften, als da sind:  Gerechtigkeit für alle, Freiheit für alle, Gleichheit aller – wo sind diese Werte geblieben?
Man sagt, Geld regiere die Welt. Das ist schon falsch: Denn es sind die Besitzenden von Geld, die die Welt regieren, wenn überhaupt. Es sind jene, die dem Volk dieses Geld geraubt haben und noch immer rauben. Es sind jene, die Nahrungsmittel knapp halten, um die Preise zu halten. Es sind die Ausbeuter der Länder und Menschen der 3, und 4, Welt, die dabei sind, auch die erste und zweite Welt zu einer vor der Vernichtung stehenden Gesellschaft zu machen.
Wichtig in der Zukunft und Gegenwart ist die Tatsache, dass man alles, auch sich selbst in Frage stellt und dass man den Mut hat, dies auch zu leben und damit die Gesellschaft zu verändern. Das ist eine der Kern-Erkenntnisse des Dada. Daher gibt es für mich den Satz: Dada lebt. Er hat auch mit Kunst zu tun: Kunst zu leben, Kunst zu sterben, Kunst, Widerstand zu leisten. Kunst ist auch geistig gewalttätig. Aber Kunst stellt sich, im Falle von Dada, auch immer und überall in Frage. Es gibt also viele Fragen und diese vielen Fragen werden auch beantwortet werden müssen. Durch den Mutbürger, nicht den Wutbürger, was immer der auch sein soll.
Der Mutbürger ist notwendiger denn je. Denn der Aufstand der Massen ist noch immer der von Ortega y Gasset definierte: Das Beharren auf der Bequemlichkeit, das Ablehnen jeder Veränderung, die in diese Bequemlichkeit eingreift.
Der Mutbürger steht für Revolution der Evolution, für Demokratie und nicht für Diktatur, für Pluralismus und nicht für Monismus und für Mehrdimensionalität und nicht Eindimensionalität.


Und er steht gegen jede Art von Faschismus auf: Weder die linken noch die rechten Ideologien bieten die Zukunftslösungen. Weder Nationalismus noch Anarchismus oder Kommunismus – sie sind allesamt gescheitert.
Wir brauchen die Ideale der Aufklärung. Und einen neuen Sturm auf die vielen Bastillen dieser Welt mit dem Schrei: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Dada lebt

Winfried Werner Linde, 13.1.2012.

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