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Schlusslicht Tirol – Bildung ohne Begehren 11. November 2011

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Bildung muss von unten, vom Volk gewünscht werden und nicht von oben oktroyiert sein.

Bildung als Begehren des Volkes zu sehen, unterliegt dem Irrtum, dass jene, die es initiieren, im vorliegenden Fall Ex-Finanzminister Hannes Androsch, Industrie- und Salzbaron, vom Volk zu sehr abgehoben sind und dies, mit anderen,  auch in Diskussionen im TV kund und zu wissen tun. In Form von absoluten Wahrheiten, obwohl jede humanistische Bildung in unseren Breitengraden darauf basiert, dass Sokrates verkündete, dass er wisse, dass er nichts wisse.
Ein solches Volksbegehren, das, von einer beinahe göttlichen Allwissenheit geprägt, verkündet, dass Bildung bereits in den Kleinkinderkrippen beginne und erst im Grab ende, ein solches Begehren, dass den Eltern von Kleinkindern und ihnen selbst die Eigenverantwortlichkeit für ihre Kinder und sich selbst abnimmt, ein solches Ansinnen, das mich an die DDR-Kinderkrippen und die Ganztagsschulung im Interesse einer Ideologie erinnert, ein solches Begehren unterstütze ich nicht.

Denn es fehlt das Bekenntnis zur Demokratie.

Mit dem Ersetzen von realem Sozialismus (der DDR-Schmäh par excellence) durch den realen Kapitalismus (die Eltern müssen wieder Zeit für Arbeit und Konsum haben und dieses geht nur, wenn man ihnen das Kinderkriegen zwar erlaubt, aber die Verantwortung für die Erziehung weitest gehend abnimmt), mit derlei ist keine Zukunft einer humanistischen Gesellschaft zu gestalten.
„Wenn ich mich an die Schulzeit erinnere, so möchte ich nicht einen ganzen Tag mit jenen verbringen, die mich schon einen halben Tag lang genervt haben“ – das steht sinngemäß in einem Leserinnen-Kommentar im Standard zu Jahresbeginn 2011.
Wir brauchen hierzulande ein klares Bekenntnis zu Österreich und Europa, zu den geistigen Wurzeln des Abendlandes in allen Bereichen, der Philosophie und der Naturwissenschaften. Wir können daher keine Nivellierung nach unten brauchen – ich plädiere für Eliten und diese sollen dann den Schwachen auch deren Stärken vermitteln. Aber wenn alle gleich schwach sind, dann gibt es dies nicht.
Dass Tirol das Schlusslicht bei der Zahl der Unterzeichner des Bildungs-Volksbegehrens ist, überrascht nicht.

Angesichts der Situation in den Schulen, angesichts des Preis- und Lohngefüges im Land, angesichts der Tatsache, dass sich die Tiroler weitestgehend als Insel der Seligen fühlen, in der man nichts unterschreibt, was einem in den Augen der dörflichen Obrigkeit eventuell schaden könnte, darf dies nicht überraschen. Wer die politische Situation kennt und die Machtverhältnisse, die jeglicher Pluralität und Mehrdimensionalität entbehren, der wundert sich nicht.
Aber das alles ist nicht allein der Grund: Ein Bildungsvolksbegehren muss eben zum Ziel haben, Bildung grundlegend zu reformieren. Dazu gehören auch ganzheitliches Denken und idealistische Auffassung vom Beruf. Lehrende, die aber einerseits zwischen Burnout und Selbstaufgabe pendeln, denen jede Autorität genommen wird, weil die kreischenden Beschwerden sonst überhand nehmen, andererseits aber zwischen Ferien und Ferien und Direktor-Tagen und Fenstertagen hin und her pendeln, sind die Garanten für das Scheitern jeder Reform.
In Tirol sind die Bildungsuhren längst stehen geblieben. Anstatt sich an den genialen Forschungs-Ergebnissen und der grandiosen Arbeit der Natur-Wissenschaftler (Physik, Chemie u.a.) zu orientieren, anstatt sich am internationalen Ansehen der Medizin zu erfreuen, anstatt sich die ausgebildeten Wissenschaftler im Lande zu erhalten und sie hier ordentlich in neuen, innovativen Unternehmen zu beschäftigen, wird der Klimbim des Sports und des Jodeltodels lanciert.
Hansi H. und wie sie alle heißen sind keine Exponenten der Bildung als solcher, sondern der extremen geistigen Ausbeutung der Massen durch dumpfe Liedlein und der Verblödung durch eine ausufernde Unterhaltungs-Industrie, die falsche Gefühle und nicht mehr jene der Literatur, die ja in der Schule gelehrt und gelebt gehörte, vermittelt. Auch das ist mit einer der Gründe, warum Tirol Schlusslicht ist, wenn es um das Begehren von Bildung geht.
Aber, nach dem Motto, dass auch ich weiß, dass ich nichts weiß, darf  ich jetzt noch sagen: Alles Gesagte ist durch anderes Gesagtes jederzeit ersetzbar.

Denn ich mag absolute Wahrheiten in keinem Bereich des Lebens. Und von mir verkündete schon gar nicht.  Denn dies wäre Unterdrückung. Und somit absolut abzulehnen.

Winfried Werner Linde

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Kommentare

1. Ingrid Fally - 11. November 2011

Lieber Wini,
jetzt erst weiß ich, was mich an diesem Bildungsvolksbegehren gestört hat und mir ein ungutes Bauchgefühl bescherte:
So sehr Frauen, wie meine Töchter wünschen, einen ihrer
exzellente Ausbildung entsprechenden Beruf ganztags ausüben zu können, so gleichzeitig ist das Klima und die Möglichkeiten für Frauen beschränkt, wenn sie Kinder haben und die auch liebevoll betreuen möchten. In was für einem Dillemna sie stecken kann ich hautnah erleben. Alle tollen Jobs sind auf Männer zugeschnitten, die keine Kinder betreuen müssen.
Es kann sein, dass das Volksbegehren durch die Ganztagsschule eine Erleichterung für Mütter bringen würde, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Politik nicht den Frauen nützt sondern der Wirtschaft: (wie du sagst)
‚Eltern müssen wieder Zeit für Arbeit und Konsum haben und dieses geht nur, wenn man ihnen das Kinderkriegen zwar erlaubt, aber die Verantwortung für die Erziehung weitest gehend abnimmt‘

Du hast noch andere Themen wie die ‚Nivellierung‘ angesprochen, das ‚Nicht Sitzenbleiben‘ mit 2 – 3 Fünfern ist eine Farce. Die Fünfer sollten bis zum Ende der Ausbildung ausgemerzt werden, zumindest sollte es noch Prüfungen geben, die Aufschluss über das Niveau des Schülers geben. Wenn ein Schüler Schwächen in einem Fach hat, muss er unentgeltlich gefördert werden!
Bei einer Umfrage haben Schüler aus der Oberstufe gesagt, dass sie gegen das Aufsteigen mit 2 Fünfern sind. Ein Fünfer wurde noch akzeptiert.

Naja, so was und noch mehr ist mir beim Lesen deines Artikels durch den Sinn gegangen.
Liebe grüße
Ingrid


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