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Mut statt Zensurscheren im eigenen Kopf. 27. September 2011

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Das Ungesagte ist das Maß der Gesellschaft,
das Gesagte ist zum Geschwätz verkommen.

Ich möchte ja nicht ungerecht sein: Manchmal, aber immer seltener, kann ich aus der Aussage eines Politikers bei Parlaments-Übertragungen wie auch bei Ausschnitten aus Presse-Konferenzen und den dazu gehörigen Presse-Aussendungen etwas geistig Substanzielles heraushören oder herauslesen. Manchmal. Aber leider immer seltener.
Das Ungesagte ist zum Maß der Gesellschaft geworden, das Geschwätz und die auswechselbaren Floskeln sind das Gesagte und damit das, was nicht einmal über das Schweigen hinausgeht.
In den frühen Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, als unsereiner politisch zu denken begann (nicht altersbedingt, sondern weil vorher die Schule alles zudeckte, mit den Ex-Nazis, die sich mit den Ex-KZlers als Lehrer zuweilen deftigste Auseinandersetzungen leisteten, ohne dass etwas an die Öffentlichkeit drang), in den frühen Sechzigerjahren also, gab es eine Satire unter dem Motto: Vorlage einer Wahlkampfrede, – in der Stehsätze nur ergänzt zu werden brauchten, je nachdem, für welche Partei man das Konzept benötigte.
Heutzutage würden die ersten Sätze nach der Begrüßung etwa so lauten:
Für die SPÖ: Unsere Partei hat den Wohlstand gebracht
Für die FPÖ: Unsere Partei wird den Wohlstand bringen.
Für die ÖVP: Wir sind der Garant für Wohlstand.
Für die Grünen: Nur ökologisches Wirtschaften garantiert Wohlstand.
Und so weiter.
Austauschbare Phrasen, mehr nicht.
Noch viel schlimmer als das Nichtssagende ist das Feige. Durchducken und schweigen, weil man ja Rücksicht nehmen muss, im Namen der Demokratur, in der wir uns gerade befinden. Aus dem offen Gesagten könnte ja der „Konkurrent“ um die Macht Kapital schlagen, sprich: WählerInnen-Stimmen lukrieren. Dass die WählerInnen längst wegen der fehlenden politischen Aussagen und damit der nicht vorhandenen Spannung weggeschlafen, ja fluchtartig weggelaufen sind, wird am Wahltag bemerkbar. Aber dann sucht man die Gründe nicht im eigenen Bereich der Parteien, sondern bei den Wählern selbst.
Und die Politologen üben sich im Schamanen-Kleinholz-Werfen und raspeln Süßholz von der Politik-Müdigkeit und dem Unverständnis der Politik durch die Masse als solche. Mit Stehsätzen, die man als aufmerksamer Zuhörer bei diversen Diskussionen seit Jahren immer wieder gehört hat –gleicher Inhalt, andere Floskeln. Die Politologen machen es den Politikern, die ja gebannt auf deren Aussagen hören, nach.
Gute Nacht Demokratie. Aufwachen in der Diktatur. Von wem auch immer.
Der Mut darf nicht müde werden, um Rilkes Cornet sinngemäß zu zitieren, wenn die Sehnsucht nach Erkenntnis, nach Freiheit, nach Akzeptiert-Werden, bei den Menschen zu groß wird.
Ohne Mut geht gar nichts. Schweigen ist kein Mut-Ausdruck. Schweigen ist Schweigen. Stille. Mehr nicht.
Bei den derzeitigen Medientagen in Wien ist das Thema „Mut“. Sehr gut. Dann können die Medien gleich alle damit anfangen – und die mutigen Mitarbeiter nicht ständig mit Existenzängsten versorgen, damit deren Zensurschere im Kopf immer aktiver wird.
Mut. Ja. Ja!!!! Und nicht: Ja, aber . . .
Winfried Werner Linde

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