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Adventkalender, anders. 26. November 2010

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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Adventkalender, anders.

Erster Dezember,
die Frage nach dem Werbinichwohingehich und darf ich,
das ist noch Vernunft.

Zweiter Dezember
Den Schwachköpfen schwebt der schwarze Engel des Sexus
und nicht das Licht der Aphrodithe vor den Augen.

Dritter Dezember
Ein Betrug an Gefühlen bahnt sich an.
Orgasmus ist alles, Liebe nichts.
Beim Glühwein vergehen einem alle Gefühle.

Vierter Dezember
Du drehst den Fernseher der Neurose auf
und lässt dir eine Rose auf den Hintern tätowieren.

Fünfter Dezember
Beate Uhse und die Weihnachtsfrau
bitten zum Tango der vergeblichen Lust

Sechster Dezember
Der St. Nikolaus übt sich mit dem Krampus
als Exhibitionist und schockt die Kinder

Siebenter Dezember
Vor dem Supermarkt verhungert ein Kind.

Achter Dezember
Im Flugzeug wird ein Asylwerber durch Handschellen erwürgt

Neunter Dezember
Barbara, eine Barfrau, wird zum Höchstpreis
bei der Weihnachtsfeier des Konzerns
versteigert.
Der Erlös dient der Verdinglichung des Nichts.

Zehnter Dezember
Du sagst dir: In vierzehn Tagen ist Heiliger Abend,
dann beginne ich ein neues Leben.
Nur: Du weißt nicht, welches neue Leben,
das wievielte neue Leben,
das ganz andere Leben . . .
Ach ja.

Elfter Dezember
Ein Mann kommt ins Puff
und zeugt mit einer Hure ein Kind.
Alle sind happy.
Denn nun braucht keiner mehr die In Vitro-Fertilisation.

Zwölfter Dezember
Du denkst dir: Da war doch was,
ein Gedanke,
vor zwei Tagen,
verflixt, wie war das noch?
Dann säufst du dir mit dem Glühwein
den Gedanken aus dem Kopf,
spürst das Glühen
und weißt nicht wohin damit,
niemand kühlt,
alles brennt.
Da war doch was, vor zwei Tagen . . .
Ach ja,
ein Gedanke,
was sollen Gedanken?
Prost, Wein und Zimt und Zucker.
Das Leben ist scharf und süß . . .

Dreizehnter Dezember
Der Tagesablauf verändert sich.
Es weihnachtet sehr.
Es schneit.
Du freust dich über die Flocken,
die auf dein Gesicht fallen.
Wie Tränen . . .

Vierzehnter Dezember
Du hast noch immer kein Geschenk gekauft.
Himmel, wie die Zeit vergeht . . .

Fünfzehnter Dezember
Du liest die Wunschliste, die du dir das Jahr über
selbst geschrieben hast.
Du entdeckst,
dass du sie in der kurzen Zeit
bis zum Heiligen Abend
nicht fertig lesen kannst.
So lange ist sie geworden,
so schwer zu lesen ist die Schrift.
Und die Erinnerung an die Momente,
in denen du die Wünsche formuliertest,
sind weg, einfach weg.

Sechzehnter Dezember
Du kaufst deiner Frau ein seidenes Nachthemd
und stellst sie dir vor, wie sie es trägt.
Du kaufst deiner Geliebten einen Ring
und stellst dir vor
wie sie weint, weil sie am Heiligen Abend allein ist.

Siebzehnter Dezember
Nach der Weihnachtsfeier deines Vereines
gehst du mit den anderen
in den Swinger-Club.
Ein paar Stunden Entspannung für einhundert Euro.
Oder 200, oder 300 oder wieviel kostet Glück?

Achtzehnter Dezember
Du kotzt, als du am Morgen in den Spiegel schaust.

Neunzehnter Dezember
Da waren doch gute Vorsätze.
Ein Nachthemd.
Ein Ring.
Wo sind sie bloß?

Zwanzigster Dezember
Du erkennst im Supermarkt
die Verpackungen nicht wieder.
Alles ist fremd.
Aus dem Lautsprecher tönt
Stille Nacht . . .

Einundzwanzigster Dezember
Du wickelst dich
in einen Bogen Weihnachtspapier ein
und machst dir dich selbst zum Geschenk.

Zweiundzwanzigster Dezember
Du bleibst vor einem Geschäft stehen,
blickst in das Schaufenster,
siehst einen fremden Menschen im Spiegelglas.
Einer singt: White Christmas.

Dreiundzwanzigster Dezember
Jetzt, jetzt, beginnt ein anderes Denken.
Ein neues Fühlen.
Ein ganz wichtiges Handeln, für dich selbst.
Jetzt wirst du ein anderer Mensch.
Jetzt – morgen.

Vierundzwanzigster Dezember
Du hast deinen Adventkalender geträumt.
Als du es erkennst, weinst du.
Heuer, sagst du, ist alles vorbei.
Aber nächstes Jahr, ja nächstes Jahr.
Und plötzlich fällt dir ein Gebet ein:
Jesukindlein, komm zu mir,
mach ein frommes Kind aus mir . . .
Du hast kein Nachthemd,
keinen Ring,
keine Kerze.
Nur dich.
Sei Licht . . .

Winfried Werner Linde

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