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Merkbemerkungen zu Profitopolis – geschrieben 2000. Und 10 Jahre danach? 6. April 2010

Posted by wwlinde in Allgemeines.
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1.

Auf den Gesellschaftsseiten

der Massenblätter

glitzerten die Brillanten

der Reichen,

schwappten die Buffets über.

Die Mutter in Eritrea

las das fliegende Blatt

von der Wüstenstraße auf

und wickelte darin

ihr verhungertes Kind.

4.

„Sie verkaufen uns die Menschen,“

sagte die Pensionistin.

Im Fernsehen gab’s die

Darbietung

der Pressekonferenz

von Bankenchefs zu sehen.

Nach wenigen Stunden

läutete,

in den trüben Abendstunden,

draußen nieselte es, und es war kalt,

ein Staatspolizist

an der Wohnungstüre.

„Du lebst zu lange in der Wohnung,

und du sprichst zu viel,

weil du zuviel denkst,

du solltest nur Fernsehen,

nicht mehr,

nicht mehr nachdenken,

über den Staat,

nicht mehr fluchen über die Bonzen,“

sagte er,

mit Mimikry wie Columbo,

ein Hund bellte ferne,

Rex ermittelte woanders,

nur der Stapo-Beamte trat mit dem Fuß

in den Türspalt.

Im Wohnzimmer

klang die Stimme des Alten,

Mörder verdächtigend.

Die Macht ist überall,

dachte die Frau und wurde sich ihrer Ohnmacht bewußt.

Aus ihrer alten Schürze

zog sie eine noch ältere Nazi-Pistole,

hielt sie Columbo an den Kopf,

drückte ab.

Es war wie im wirklichen Leben.

Nur anders,

dachte sie,

als sie erwachte.

Sie war vor dem Fernseher eingeschlafen.

Aus dem TV-Geräte sprach das Gesicht

des Nachnachrichtensprechers:

„Die Aktien der Banken sind gestiegen.“

5.

Am Canale Grande

singt das Killerkommando

der Gondoliere

getragen ein „O sole mio“

zwischen den absterbenden Fischen

faulendem Gemäuer

glotzenden Touristen

lächelnden Blaßgesichtern

des Carnevals.

Aus einem Fenster

lugend

ein steinaltes Gesicht

einer Donna.

Neapel sehen und sterben,

denkt sie.

Und schämt sich des Gedankens.

Lieber in Pompeji als in Venedig,

lieber Asche als Glut,

lieber Liebe als Mut,

lieber sterbend als ewig.

Der Refrain vom Untergang

hat wenige Silben

und viele banale Fragen,

auf die niemand eine Antwort weiß.

6.

Heute hat es

30 Maß Bier im Schatten.

Es braucht immer einen Anlass

zur Feier.

Heute hat es 30 Tote

in der Sahelzone.

Es braucht immer einen Anlass

zum Wegschauen.

7.

Das Kind kann ich Ihnen nicht

wegnehmen,

sagte der Anwalt

der Bank

zur Mutter.

Wir rechnen in Millionen,

sagte der Bankdirektor,

was bedeutet schon ein Kind.

Die Mutter hatte das Konto

um 5000 Mark überzogen.

Die Aktionäre der Bank

leisteten sich eine Party

um 10000.

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